Ruth Berlau
Mit 21 Jahren fährt Ruth Berlau (1906-1974) mit dem Fahrrad von Kopenhagen nach Paris und berichtet öffentlichkeitswirksam darüber in einer dänischen Tageszeitung. Zu diesem Zeitpunkt hat sie längst eine Abtreibung hinter sich, ist mit einem wohlhabenden
Arzt verheiratet und als Schauspielerin am Königlichen Theater in Kopenhagen engagiert, auch in Stücken von Bertold Brecht. Im Jahr darauf ist sie erneut als Journalistin mit dem Fahrrad unterwegs, diesmal nach Moskau. Dort besucht sie Theatervorstellungen und wird zur Kommunistin. Nach der Rückkehr nach Kopenhagen gründet sie ein Arbeitertheater. 1933 besucht sie Brecht zum ersten Mal in seinem dänischen Exil in Svendborg, um mit ihm über Theaterarbeit zu reden. Sie bleibt ihm für den Rest ihres Lebens in Liebe und Arbeit verbunden und folgt ihm zu allen Stationen seines Exils. – Rund 70 Jahre nach Berlaus Parisreise kommt Andrea Paluch mit ihrem Mann Robert Habeck und ihren Kindern für einen mehrwöchigen Schriftstelleraufenthalt im Brecht-Haus in Svendborg an. 2022 besucht Paluch eine Vorstellung über Berlau im Berliner Ensemble, was ihr den entscheidenden Anstoß gibt, dieses Buch zu schreiben. Paluch fragt sich, warum Berlau wie auch Helene Weigel, Margarethe Steffin und zuvor Elisabeth Hauptmann bereit waren, sich Brecht wie in einem Harem zu teilen und zugleich in verschiedenen Rollen kreativer Teil seines Werkes zu sein. Ohne diese begabten, aufopfernden Frauen wäre – laut der Autorin – Brechts Werk so nicht möglich gewesen. Mit diesem skeptischen Blick auf den großen Schriftsteller schreibt Paluch so wenig wie möglich über Brecht, um Berlau nicht über ihn zu definieren. Unterhaltsam ist, wie Paluch in der Fantasie ihrer jungen Protagonistin auf dem E-Bike nach Paris hinterherfährt. – Gut recherchierte Lebenserzählung über eine lebenslustige, exzentrische Frau.
Maria Holgersson
rezensiert für den Borromäusverein.
Ruth Berlau
Andrea Paluch
Ellert & Richter Verlag (2025)
160 Seiten : Karten
fest geb.