Der Granatapfel
Der Autor verlängert in diesem Roman D'Annunzios Leben (1863-1938) um die Zeit des 2. Weltkriegs und lässt ihn unter dem Namen Taumaturga ("Wundertäter") in einer fiktiven Autobiographie zynisch auf sein Leben zurückblicken. Er beginnt mit der
Essenz seines inszenierten Lebens: "Offen gesagt, es ist alles gelogen." Die Legenden, die sein Leben und Werk umranken, machen seinen Ruhm aus: Muttersöhnchen, Frauenheld, Liebhaber der berühmten Schauspielerin Eleonora Duse, Anhänger des Faschismus, gewissenlos. Klein von Statur, aber von großem Selbstbewusstsein hat er früh beschlossen, berühmt zu werden. Piwitt gelingt es, den ambivalenten, narzisstischen Dichter lebendig werden zu lassen mit all seinen Selbstrechtfertigungen, Demutsallüren, Großmannssucht, Betrug und Selbstbetrug, und er fragt sich, wie es passieren konnte, dass dem historischen D'Annunzio jahrzehntelang die halbe Welt zu Füßen lag, trotz seines fehlenden Gewissens und Mitgefühls. Allein an seiner elaborierten Sprache, an seinen Werken, hat es nicht gelegen - es ist die Selbstinszenierung und -sicherheit und auch die Zeit der Dekadenz, des Hedonismus gemischt mit lustvoller Todesverliebtheit, die Piwitt auch heute wieder in unserer Gesellschaft zu erkennen glaubt. Die Neuauflage des 1986 zuerst erschienenen Romans ist ein erfreuliches Ereignis. Eine wunderbar erzählte Geschichte für anspruchsvolle Leser.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Granatapfel
Hermann Peter Piwitt
Wallstein (2007)
213 S.
fest geb.