Amseln
Die österreichische Autorin Anna Baar bedient sich in ihrem neuen Roman einer Herausgeberfiktion. Angeblich habe ein männlicher Autor einen Koffer voller Briefe, Notizen und Zeitungsausschnitte vor seiner Türe gefunden und sich den Namen der bekannten
Autorin „ausgeliehen“, um die Relikte zu veröffentlichen. Es handelt sich um den Nachlass der ehemaligen Nervenärztin Elda Vera, die 2020 wegen sexueller Nötigung eines Patienten ihre Anstellung verlor. Die fragmentarischen Aufzeichnungen stammen aus den Jahren danach, als sie von Alkohol und Morphium betäubt ein einsames Leben in ihrer Wohnung fristet und schließlich spurlos verschwindet. Sie sind an einen früheren Liebhaber gerichtet, beinhalten Erinnerungen an ihre schwierige Kindheit und haben das Bemühen um Liebe als zentrales Thema. Die Metapher der Amsel, flüchtig, begehrt und kämpferisch, taucht immer wieder auf. Es geht um Selbstbetrug und Verblendung, aber auch um die Unzuverlässigkeit des Erzählens. Vieles wird der eigenen Interpretation überlassen. Eine hochliterarische Abrechnung mit bürgerlichen Moralvorstellungen und christlicher Schuldthematik, die für den Österreichischen Buchpreis nominiert ist.
Franziska Knogl
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Amseln
Anna Baar
Wallstein Verlag (2026)
255 Seiten
fest geb.