Die zweite Haut
Beengt sein – wir alle kennen das Gefühl, das sich in einem unpassenden Kleidungsstück einstellt, das zwickt und juckt. In ihrem autofiktionalen Buch schreibt die österreichische Autorin Sabine Scholl über die Enge des Aufwachsens in prekären
Verhältnissen. Von einem Zuhause, das vom ewigen Spardiktat, Verzicht und Entbehrung geprägt ist. Und von einer Familie, in der es nicht nur am Geld und am Materiellen mangelt, sondern auch an Emotionen, Zuwendung, Intimität und Wärme. Die nach den Schnittmustern aus den Modezeitschriften selbstgenähte und von der Mutter immer wieder ausgebesserte Kleidung aus günstigen Stoffen für alle drei Kinder ist die nach außen sichtbare, schichtspezifische Hülle der Armut. Für die Tochter ist sie zugleich ein beengendes, vorgefertigtes Kostüm, das ihre soziale Rolle als Frau aus der Unterschicht festzurrt – und das einem Bildungsaufstieg durchs Lesen und Studium im Wege steht. – Die eindrucksvollen Erinnerungspassagen, die berührenden Beschreibungen von Fotos aus dem Familiennachlass sowie die in den Text eingewebten Zitate oder Paraphrasen aus soziologischen Studien von Pierre Bourdieu oder Hannelore Bublitz enthüllen die Wirkmacht sozialer Unterschiede. Und erzählen von den Versuchen, die Nähte der eigenen Herkunft aufzutrennen und sich – mit dem Literaturstudium, dem künstlerischen Beruf, den Auslandsreisen – eine „zweite Haut“ zuzulegen. – Eine starke, ungeschönte und doch poetische Lektüre über Klassismus, Ausgrenzung und Scham.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die zweite Haut
Sabine Scholl
Weissbooks (2025)
237 Seiten : Illustration
fest geb.