Ein kleiner Händler, der mein Vater war
Lotte Paepckes Roman zählt zur großen Literatur von kleinen Leuten. Wie Joseph Roth und Irmgard Keun erzählt auch sie eine Geschichte von Bewährung und Verlust in Notzeiten, vom Ringen um ein gutes Leben in schlechten Verhältnissen, vom Zentnergewicht
der jüdischen Herkunft. „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“ ist ein Buch über ihren Vater Max Mayer, aber weder Familiengeschichte noch Lebensbeschreibung, vielmehr ein Porträt, das Modell steht für ein exemplarisches Schicksal eines in Deutschland geborenen Juden. Der Vater macht Anfang des 20. Jh. seinen Weg im Lederhandel, er reist viel umher zu Schuhmachern, ist manchmal erfolgreich, manchmal nicht. Im Ersten Weltkrieg verschont ihn sein musikalisches Talent vor dem Fronteinsatz. In der Weimarer Republik wird er in Freiburg Stadtrat, doch 1933 von den Nazis zeitweilig verhaftet, wenige Jahre danach flieht er dann mit seiner Frau nach New York und wird Bürger von Manhattan, mittellos, aber frei zu tun und zu lassen, was er will. Doch Max Mayer bleibt heimatlos, auch nach der Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland. – Der Roman beschreibt aus der Perspektive der miterlebenden und miterleidenden Tochter sehr einfühlsam das Scheitern der deutsch-jüdischen Koexistenz. Von Flucht und Vertreibung, Heimatsuche und Wurzellosigkeit, Ducken und aufrechtem Gang wird ergreifend und zupackend erzählt, eine Geschichte von hoher Aktualität, wie der Enkel und zwei Urenkelinnen von Max Mayer in ihrem Nachwort betonen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Ein kleiner Händler, der mein Vater war
Lotte Paepcke
8 grad verlag (2025)
115 Seiten
fest geb.