Eine Aufforderung zum Kampf
In blumiger Sprache voller fantasievoller, eigenartiger und faszinierender Bilder zeichnet der 2025 verstorbene haitianische Schriftsteller ein zugleich poetisches und grausames Bild der Diktatur. Der mächtige Voodoo-Priester Saintil terrorisiert
ein Dorf armer Bauern und lässt ein Heer von Zombies für sich Sklavendienste verrichten. Durch Salz-Entzug werden Menschen von ihm in willenlose Wesen verwandelt. Bei ihrer Ausbeutung hilft der sadistische Handlanger Zofer, der auspeitscht und Zungen und Köpfe abschneidet. Dann aber verliebt sich Saintils Tochter in einen der Zombies, weckt ihn mit Salz aus seiner Lethargie und alle Zombies beginnen zusammen mit den Bauern den Aufstand – ein Silberstreif der Hoffnung blitzt auf. Die Lektüre ist eine Herausforderung: Inhaltlich sind die grausamen und blutrünstigen Quälereien nur schwer zu ertragen, so z.B. „geöffnete Gedärme baden im Staub und im gestockten Blut. Der große Hunger verschmäht kaum das nach Fäulnis stinkende Fleisch“, oder: „Zofer hat die Leiche eines Neugeborenen in den Bauch eines Schafs gesteckt, dem man die Kehle durchgeschnitten hat“ oder Ausdrücke wie: „Verfressene Eingeweideselbstherumstöberer“. Kompliziert ist auch die Komposition: Abstrakte Passagen überwiegen, in die Handlungsfragmente lose eingestreut sind. Szenen aus dem haitianischen Bauernleben, aus Voodoo-Zeremonien und Hahnenkämpfen wechseln sich ab, ebenso wie literarische Gattungen und Handlungsebenen. Realität und Traum, Prosa und Poesie fließen ineinander. Sicher ein wichtiges und literarisch und zeitgeschichtlich anspruchsvolles Werk eines bisher bei uns kaum bekannten Autors, doch nur für vorgebildete Spezialisten geeignet.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Eine Aufforderung zum Kampf
Frankétienne ; aus dem Französischen von Richard Steurer-Boulard
Litradukt (2026)
223 Seiten
kt.