Ich, der Sohn
Rückblickend auf sein 30-jähriges Leben berichtet Jesus von seinem unruhigen und armen Nomadenleben im von den Römern besetzten Palästina, von seiner Mutter, die ihn zu jung bekommen hat und deren Erwartungen er nicht erfüllen kann, und von seinem
Vater Joseph, der sie verlassen hat. Unsicher, einsam und zweifelnd macht er sich auf die Suche nach Joseph, erhält eine Tischler-Ausbildung, verliebt sich, folgt einem Wanderzirkus und kehrt enttäuscht und von Freunden verraten zu seiner Mutter zurück. Sein einziger Vertrauter, sein Cousin Johannes, hat sich einer neuen Sekte angeschlossen. Auch von Gott fühlt er sich verlassen. Die Lage in Nazareth wird immer schlimmer, eine große Dürre herrscht und alle hungern. Jesus erkennt, dass die Menschen, die ihm nahegekommen waren, ihn gefürchtet hatten, etwas „an ihm erahnt hatten“. Doch da erscheint Judas, ein Freund und Gefährte von Johannes, um ihn zu ihrer Gruppe zu holen, da er gebraucht wird. Die Geschichte eines Jungen, der „sein Brot zunächst als Tischler, dann als Flötenspieler verdient hatte, während er sich insgeheim nach der Mutter zuhause sehnte, ein Junge, dessen Herz durch Liebesverrat, gebrochen, der beraubt, geschlagen, verlassen worden war“, wird in einer mythischen Sprache erzählt: der Autor fragt sich, wer der Mann aus Galiläa war, bevor er der Messias wurde, versucht, Jesu Leben als Kind und Jugendlicher zu erzählen, stellt ihn als einen Suchenden dar, der vielfach Irrwege einschlägt. Doch überzeugt der Versuch die Rezensentin nicht, vor allem auf Grund der bemühten Sprache. Jesu Leben als das eines „normalen“ Menschen zu zeichnen, der nicht wusste, was auf ihn zukommen würde, ist ein vielleicht interessantes, aber letztlich nicht überzeugendes Anliegen.
Ileana Beckmann
rezensiert für den Borromäusverein.
Ich, der Sohn
Giosuè Calaciura ; aus dem Italienischen von Judith Krieg
Edition Converso (2024)
301 Seiten
kt.