Heimliche Zeilen
Für sein erstes und einziges Buch gibt Christopher Flinders in den 1980er Jahren viel auf. Das Mathematikstudium schmeißt er ohne Abschluss hin, was seine Eltern maßlos enttäuscht; mit kurzfristigen Jobs auf dem Bau oder im Einzelhandel verdient
er gerade genug Geld, um die rauschhaften Schreibphasen zu finanzieren. Der Verlagslektor Owen Goddard glaubt an sein schriftstellerisches Talent, eröffnet ihm den Zugang in die Kultur- und Literaturszene Londons und stellt ihm sogar die Frau vor, mit der Christopher eine leidenschaftliche, verbotene Beziehung eingeht. – Warum wird aus dem Hauptprotagonisten in Claire Chambers neuem Roman ein unscheinbarer Finanzbeamter und kein Literaturstar? Wieso zieht er ins ländliche Yorkshire um, wo ihn – 20 Jahre nach seinen ersten literarischen Versuchen – der Brief der jungen Wissenschaftlerin Alex und der Besuch seines eigenartigen Bruders Gerald dazu bringen, sich den Erinnerungen an die verloren geglaubte Liebe zu stellen? Die liebe- und humorvoll gezeichneten Figuren machen zusammen mit den lebensechten, bisweilen an subtilen Slapstick grenzenden Situationen das Buch zu einem unterhaltsamen Schmöker, bei dem den Fragen nach entscheidenden Wendungen, verpassten Gelegenheiten und Chancen auf einen Neuanfang mit Humor und psychologischem Gespür nachgegangen wird.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Heimliche Zeilen
Clare Chambers ; aus dem Englischen von Wibke Kuhn
Eisele (2026)
413 Seiten
fest geb.