Schweigen
Ohne ihre Eltern gelingt es der 17-jährigen Berliner Jüdin Ellen Pinkus, im Frühjahr 1939 nach Argentinien zu emigrieren und dem Terror der Nazis zu entkommen. Dort lernt sie später ihren Mann Erich Marx kennen und gründet mit ihm eine Familie.
Eine ihrer Töchter, Nora, engagiert sich in den 1970er-Jahren politisch gegen die argentinische Militärdiktatur. Dies macht auch in einer anderen Organisation die deutsche Pastorentochter Elisabeth Käsemann, die während der 1968er Bewegung in Berlin Politikwissenschaft studiert und berührt von der Armut und Not vieler Menschen nach einem Praktikum in Lateinamerika nicht nach Deutschland zurückkehrt. Sowohl Nora als auch Elisabeth gehören zu den zahllosen Menschen, die während der Zeit der argentinischen Militärjunta in den 1970er-Jahren spurlos verschwinden und nach unsäglichem Leiden in den Foltergefängnissen der Junta ermordet werden. Während Noras Mutter sich den Müttern der Plaza del Mayo, die regelmäßig in der argentinischen Hauptstadt stumm auf das Verschwinden ihrer Kinder aufmerksam machen und Aufklärung fordern, anschließt, versuchen Elisabeths Eltern mit Hilfe der deutschen Justiz, die Mörder ihrer Tochter zu belangen. – Die aus Hamburg stammende Comic-Künstlerin Birgit Weyhe hat in dieser großartigen Graphic Novel nicht nur exemplarisch zwei Lebensschicksale aufgearbeitet, sondern bietet im Kontext ausführlich den jeweiligen, immer wieder von Wegschauen, Verdrängen, Schweigen und Verschweigen geprägten Zeithintergrund der deutschen und der argentinischen Geschichte dar. So ist man z.B. erschrocken, wie sehr die bundesdeutsche Politik der 1970er-Jahre gegenüber Argentinien von wirtschaftlichen Interessen bestimmt wurde und wie wenig man für das Schicksal Verschwundener tat, selbst wenn es sich um eigene Staatsbürger handelte. Auch zeichnerisch überzeugt die Graphic Novel; realistische Bilder weichen abstrakten dunklen Aquarellen, wo Grauen und Leid nicht darstellbar sind. Eine harte, zum Nachdenken anregende Kost, der man möglichst viele Lesende wünscht. Unbedingt empfohlen.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Schweigen
Birgit Weyhe
avant-verlag (2025)
360 Seiten : farbig
fest geb.