Inventur
Eine Inventur: Das heißt Aufräumen und Neuordnen, Bestände sichten und Bilanzen ziehen. Jens Wonnebergers Interesse gilt aber nicht einem geschäftlichen Ganzen. Er richtet einen genuin poetischen, also entdeckungsfreudigen Blick auf die unscheinbaren
Dinge, die man so lange bei sich herumliegen hat, bis man, immer nahe dran, sie wegzuwerfen, auf einmal über ihren Zweck, über die Herkunft und über ihre Geschichte nachzudenken beginnt. Solche Dinge, die im Dienste einer anderen Sache stehen, fallen dem Autor in nächster Nähe auf, zumeist in seinem Zimmer. Wonneberger macht sie sich in skizzenhaften Darstellungen zuhanden. Mit umkreisenden, einfangenden, fast lassoartigen Aktionen bringt er sie zum Sprechen. Und siehe, da, der Tintenklecks auf dem Boden einer Schreibtischschublade entfacht die Fantasie und wächst zu Eis- oder Südseeinseln aus. Der sperrige Eichenbücherschrank mit seinen drachenartig fauchenden Türen, der aus einem enteigneten NS-Rittergut stammt und Bombardements und Plünderungen überstanden hat, gibt seine Herkunft nur rätselhaft preis. Nach Ausflügen der Einbildungskraft zu alten Radioapparaten, zu Leimtopf, Mangeltüchern und Fotoalbum kehrt der Reigen der Ding-Geschichten schließlich zum Anfang zurück: Ganz hinten in der Schublade des Schreibtischs steckt eine Patronenhülse mit verbogener Schnute. Was hat sie geborgen, und wohin ging der Schuss los: auf ein Nashorn oder einen Feind, auf eine Zielscheibe – oder nach hinten? Der Dichter als Spurenleser der kleinen Dinge: Diese Prosa-Miniaturen über ‚pflichtbewussten‘ Kleinigkeiten sind ein kurzweiliges Lesevergnügen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Inventur
Jens Wonneberger
müry salzmann (2026)
141 Seiten
fest geb.