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Lesen als Beruf

Sichtweisen - Brennpunkte - Ausblicke

Der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. richtet in schöner Regelmäßigkeit Tagungen für ein Fachpublikum aus. Vom 14. bis 16. November 2014 fand nun ein Treffen zum Thema „Literaturkritik unter der Lupe. Sichtweisen - Brennpunkte - Ausblicke“ unter der fachkundigen Leitung von Ute Wegmann statt.

Das Thema scheint den richtigen Nerv getroffen zu haben, geht man von den vielen Anmeldungen aus. So zahlreich, dass Michael Schmitt, Literaturredakteur bei 3sat Kulturzeit und dort verantwortlich für die Kinderbuchtipps, einen zusätzlichen Workshop anbieten konnte. Die Mischung aus aufschlussreichen Vorträgen, interessanten Diskussionen, kleineren, konzentrierten Arbeitsgruppen und den beiden Einblicken von Peter Cover Thienemann Verlag Schössow und Andreas Steinhöfel in deren Illustratoren- bzw. Autorenwerkstatt stimmte. Der Tagungsort Eisenach und die Unterkunft im Haus Hainstein mit Blick auf die Wartburg bot den Fachleuten aus Verlag, Redaktion, Buchhandel, Vermittlung und Bibliothek einen angenehmen Rahmen, in dem sich trefflich über das Thema nachdenken und sich darüber austauschen ließ.

Eine Auswahl treffen

Worum ging es im Kern, worüber wurde debattiert? Ein Aspekt betrifft die Auswahl aus den ca. 8000 Neuerscheinungen jährlich. Umfassender Marktüberblick ist da gefragt, wenn Kritiker die Spreu vom Weizen trennen, um den Lesern Orientierung zu bieten. Besonders beim Bilderbuch ist dessen Rolle mit der eines Agenten für dieses ewig unterschätzte Medium vergleichbar. Da der Platz  - ob Printmedien, Radio oder Fernsehen - meist recht begrenzt ist, handelt es sich im kinderliterarischen Bereich in erster Linie um Buchempfehlungen, weniger um Verrisse. Kritiker, die Ihre Aufgabe verantwortungsvoll übernehmen, sollten ihre eigene Subjektivität reflektieren, sich Text und Illustration zunächst durch eine genauen Betrachtung und Beschreibung nähern, um dann im nächsten Schritt zu einer Bewertung zu kommen. Sind die Figuren glaubwürdig, stimmt die Dramaturgie und die sprachliche Gestaltung? Wie sieht es bei den Illustrationen aus? Was ist dargestellt? Wie ist es dargestellt und was bedeutet es? Dr. Maria Linsmann vom Bilderbuchmuseum Troisdorf bot den Zuhörer/innen eine kurzweilige und zugleich sehr aufschlussreiche Sehschule anhand zweier Illustrationen zu „Rotkäppchen und der Wolf“.

Kritiker und Kritik

Ein anderer Aspekt scheint die Frage zu sein: „Kritiker als Beruf?“ Wie kann man dieser Aufgabe professionell nachgehen, wenn die finanzielle Situation so ist, wie sie sich zur Zeit in weiten Teilen darstellt? Dumpinghonorare und ehrenamtliche Rezensentinnen prägen das Bild. Auch Siggi Seuß kann nicht alleine von seinen Kritiken, die er seit 25 Jahren für die SZ verfasst, leben. Mehrfachverwertung scheint da eine Hilfe zu bieten und die Entscheidung, sich auf mehrere Standbeine zu stellen. Für den Büchermarkt „Bücher für junge Leser“ des Deutschlandfunks kreiert der Experte regelmäßig hörenswerte Features oder besucht weltweit Autoren für ein Porträt. Weitere Aspekte beleuchtete u.a. Susanne Brandt mit ihren prägnanten Ausführungen zur Rolle Cover Hanser Verlag des Sachbuches für Kinder und Jugendliche in Zeiten des Internets oder Franz Lettner, der aus Redakteurssicht von 1000 und 1 Buch kompetent und unterhaltsam die Situation der Kritik (nicht nur) in Österreich veranschaulichte.

Bekannte Autoren

Was für ein Glück, dass auch noch zwei hochkarätige Gäste vor Ort waren, ohne deren Werke es die Literaturkritik gar nicht gäbe: der mehrfach ausgezeichnete Peter Schössow und Andreas Steinhöfel. „Die Spontaneität der Skizzen zu erhalten, das kostet Nerven“, so Peter Schössow während seines mit viel Applaus gewürdigten Vortrages u.a. zur Entstehungsgeschichte von „Der arme Peter“. Andreas Steinhöfel unterhielt in seiner unnachahmlich sympathischen, intelligenten und humorvollen Art die Teilnehmer/innen zum krönenden Abschluss am Sonntag mit einer Spurensuche zur ihm von der Kritik immer wieder attestieren „Warmherzigkeit“ in seinem Werk.

„Das Kind braucht Geschichten, um sich und die Welt zu verstehen,“ so Thomas Linden. Aufgabe des Kritikers ist es, den besten Büchern eine öffentliche Plattform zu geben. Ziel sollte es auch immer sein, dem Buch in der Kritik gerecht zu werden. Wünschenswert wäre in Zukunft mehr Platz, bessere Honorare und mehr Eltern, Erzieher/innen, Lehrer/innen und Bibliothekare zu erreichen, damit alle empfehlenswerten Neuerscheinungen, die es unbestritten in jedem Frühjahr und jedem Bücherherbst erfreulicherweise immer wieder gibt, rundum bekannt werden!

Antje Ehmann
28. November 2014
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