Dünnes Eis
Marietta Stein ist 99 Jahre alt und lebt in einer Seniorenresidenz. Sie war Lehrerin und hat zwei Männer sowie ihren Sohn überlebt. Ihr erster Mann ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, der zweite vor einigen Jahren gestorben. Johann, ihr kleiner Sohn,
wurde 1945 von einem russischen Soldaten erschossen. Sie fühlt sich für seinen Tod verantwortlich. Im hohen Alter kämpft sie noch immer mit ihren Dämonen. Ihre Kriegserlebnisse konnte sie nicht einmal ihrem zweiten Mann, einem Psychoanalytiker, anvertrauen. Nachdem ihre beste Freundin Gisela, ihre Zimmernachbarin, gestorben ist, fehlt ihr eine Gesprächspartnerin. In Giselas Zimmer ist ein Griesgram gezogen, der ebenfalls mit einer alten Schuld lebt. Marietta geht gerne in den umliegenden Park, wo sie einen kleinen Jungen trifft, der sie an Johann erinnert. Enis ist mit seinem Onkel aus Syrien geflüchtet. Seine Eltern wurden auf der Flucht getötet. Während einer langsamen Annäherung an das traumatisierte Kind kommen ihre Erinnerungen zurück. - Zart und einfühlsam beschreibt Theres Essmann das Leben einer Frau, die sich bis ins hohe Alter Mitmenschlichkeit und Humor bewahrt und trotz schwerer Schicksalsschläge nie ihren Lebensmut verloren hat. Sie macht deutlich, wie wichtig es ist, den wenigen überlebenden Zeitzeugen zuzuhören. Die Autorin arbeitet als Bibliotherapeutin und unterrichtet kreatives Schreiben. Ausdrücklich empfohlen!
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Dünnes Eis
Theres Essmann
Dörlemann (2025)
281 Seiten
kt.