Die letzten warmen Tage

Schon als Kind verspürt Anna den Drang zu erzählen, als Jugendliche in den 80ern in Wiesbaden verbringt sie ganze Nächte am Computer ihres Vaters mit ihrem ersten Roman. Jetzt lebt sie, 29, in Berlin, verdient ihr Geld als freie Werbetexterin und Die letzten warmen Tage blättert gekonnt und realitätsnah als nächsten Roman ihre Geschichte und die ihrer Familie vor den Augen der Leser auf. Kleine Episoden aus der Kindheit, die Verbundenheit zum Bruder, die Nähe zum Großvater, der allein ihre Schreibwut versteht, denn Schreiben wäre auch sein großer Lebenstraum gewesen, der dem Familienunterhalt geopfert werden musste ... Das Geheimnis um das Verschwinden des anderen Großvaters nach der Flucht aus der DDR 1961, das sich erst nach der Wende tragisch aufklärt. Die Trauer der Mutter, die sich vom Vater verraten fühlte - und ihre eigene Trauer, als der Mann, mit dem sie eine leidenschaftliche Liebe verbindet, von ihr die Abtreibung verlangt. Immer wieder gehen die Gedanken zurück zu den Jugendjahren, den Menschen, Gefühlen, Entscheidungen, Konsequenzen ihres Handelns, den Geschichten, die erzählt wurden, und den Dingen, die nicht gesagt wurden, die nicht gesagt werden konnten. Vieles wird erklärbar im Rückblick - und vieles scheint sich so oder so ähnlich zu wiederholen. Die Quintessenz aus einem spannenden Buch, das vieles hinterfragt, scheint die Gewissheit, dass man immer eine Wahl hat, dass man sich aber immer auch entscheiden muss. Gut lesbar, gehaltvoll trotz erzählerischer Leichtigkeit. Breit einsetzbar.

Elisabeth Bachthaler

Elisabeth Bachthaler

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Die letzten warmen Tage

Die letzten warmen Tage

Ricarda Junge
S. Fischer (2014)

429 S.
fest geb.

MedienNr.: 578843
ISBN 978-3-10-002218-9
9783100022189
ca. 21,99 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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