Vergossene Milch
Der 100-jährige Don Eulalio liegt in einem Krankenhaus und führt (imaginäre) Gespräche mit dem Klinikpersonal. In zig Varianten wiederholt er die traurige Geschichte seiner großen Liebe, die ihn in den 20er Jahren verließ und ein unklares Ende
nahm. Eulalios Gedanken kreisen um seine behütete Kindheit, seine Mutter und seinen Vater, einen bedeutenden Politiker seiner Epoche. Eulalio selbst, so erfährt man aus den wiederkehrenden Bruchstücken, war für einen französischen Maschinenbauer in führender Position tätig. Er konnte aber nie mehr an den Lebensstil seiner Eltern anknüpfen und scheint zuletzt in einem armen Viertel untergekommen zu sein. Diesen Abstieg blendet er aus oder beschönigt ihn mit Versatzstücken aus Kindheit und Jugend. - Meisterhaft gelingt es dem Autor, die Fallstricke der Erinnerung darzustellen, die Sprünge über Jahrzehnte und das Festklammern an den Ereignissen, die letztlich einen Lebenslauf prägten. Und: Das Ausblenden, er, Eulalio, könnte an so manchem Ablauf nicht unschuldig sein ... Eine interessante Darstellungsweise, die aber einen beharrlichen und geduldigen Leser braucht. (Übers.: Karin von Schweder-Schreiner)
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Vergossene Milch
Chico Buarque
S. Fischer (2013)
207 S.
fest geb.