Der Stoff, aus dem das Denken ist
Die Sprache ist ein unerschöpflicher Fundus des Nachdenkens über den Menschen, seine Wahrnehmung und Deutung der Welt. Der in Harvard lehrende Psycholinguist Steven Pinker nähert sich dem Problem mit großer Sympathie für die Vorstellung, dass
die Sprache ein öffentliches, digitales Medium ist, das unser Denken steuert und bestimmte Aspekte der Wirklichkeit gestaltet, andere wiederum nicht. Man kann das vom kindlichen Spracherwerb über den Gebrauch von Tabuwörtern bis zu komplexen Fragen der Grammatik und Zeit- und Raumproblemen verfolgen. Diese "konzeptuelle Semantik" ist sozusagen das wissenschaftliche Design, aus dem Pinker ein in Teilen unterhaltsames, über längere Strecken jedoch auch langatmiges Buch macht. Interessant wird es immer dann, wenn mit Comics, Beispielen aus der Pop-Kultur und Anekdoten sprachliche Phänomene erklärt werden (warum man die Absicht des Verbs verkennt, wenn man sagt: "Michelangelo painted the ceiling"; oder wie sich die Sprecher einer alten indianischen Sprache mit den Raumbegriffen "hangaufwärts" und "-abwärts" behelfen, weil sie keine Wörter für 'rechts' und 'links' haben). Etwas schwerer dürfte es dem Laien fallen, dem Autor in die theoretischen Schlupfwinkel von Nativismus und Determinismus zu folgen. Ein lehrreiches Buch, das die Sprache als Fenster zur menschlichen Natur betrachtet. Größeren Beständen für sprachwissenschaftlich interessierte Leser empfohlen.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Stoff, aus dem das Denken ist
Steven Pinker
S. Fischer (2014)
608 S. : Ill.
fest geb.