Fliehende Ansicht
Gedichte von Wulf Kirsten (geb. 1934) sind an einigen Besonderheiten leicht identifizierbar. Seine Gedichte sind fast ausschließlich in Kleinbuchstaben angefasst. Wenn man sie sich laut vorliest, fällt sogleich ein ganz besonderer Rhythmus auf, der
jedes Gedicht wie mit der Wucht eines Wasserfalls auf sein Ende hin ausströmen lässt. Kommata und hin und wieder Fragezeichen werden gesetzt, nicht aber ein Punkt im laufenden Gedicht. Nur zum Abschluss eines Gedichts wird der Punkt gesetzt. Dann aber ist es vor allem die atemberaubende Souveränität von Kirsten im Umgang mit dem Reichtum der deutschen Sprache. Wörter werden von ihm präsentiert, die in der deutschen Umgangssprache vollkommen ausgestorben zu sein scheinen. Kirsten ist ein im besten Sinne konservativer Schriftsteller, der den vorhandenen Reichtum der deutschen Sprache nutzt und pflegt. Dabei gelingen ihm immer wieder ganz wunderbare Verse und Bilder. "... es war, als hätt' der himmel/ die menschheit endgelagert." Oder: "in dicken schwaden qualmen die phrasen,/ vollmundig in den himmel geblasen." Die Gedichte von Kirsten lesend wird man gewahr, wie arm unsere Umgangssprache geworden ist und was uns fehlt, wenn wir nur noch in einer reduzierten Computersprache miteinander kommunizieren. Für größere Bestände.
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Fliehende Ansicht
Wulf Kirsten
S. Fischer (2012)
78 S.
fest geb.