Jenseitsreise
Kann man vom eigenen Tod erzählen? Wenn, dann geht das nur in der Literatur: Ultrachronos, so heißt das Schreiben in einer ausgedehnten Todessekunde, und „Jenseitsreise“, so lautet die Antwort von Gerhard Roth. Der gleichnamige Roman ist sein
letztes Werk, aus den Manuskripten ins Werk gebracht nach dem Tod des Autors im Februar 2022. Worum geht es? Ein zunächst namenloses Ich springt in den Abgrund eines Steinbruchs, enttäuscht von einem Leben ohne Sinn und Liebe. Doch dann erwacht dieses Ich als zweidimensionale Zeichentrickfigur in einer imaginären Bibliothek. Das ist der Auftakt einer Reise, die weit – oder besser gesagt: tief – in die Gefilde der Dichter und Denker der Welt führt. Es kommt zu Begegnungen mit humoristischen Schriftstellern und ernsten Philosophen. In einem Hausboot kommen Lewis Carroll und Albert Einstein zusammen. Die Autorin von „Pippi Langstrumpf“ taucht auf, im Gedankenflug auch Freud, und am Ende besteigt Oscar Wilde die Kanzel einer gotischen Kathedrale und hält eine Predigt, die sich gewaschen hat und alle Zuhörenden im Wortsinne entblößt. In einem der schönsten Kapitel trifft der postume Erzähler, diesmal in Gestalt einer Elster, auf Kafka und seinen besten Biographen – und bekommt zu hören, warum Kafka fast nur unabgeschlossene Texte hinterlassen hat und nichts zu Ende zu bringen vermochte. Roths Roman ist vom magischen Realismus befeuert, es wimmelt von surrealen Szenen, oft mit Esprit, manchmal ein wenig gesucht wirkend. Das Buch ist eine Würdigung des Schreibens und der Imagination, ein Feuerwerk an Einfällen, nicht zuletzt wohl auch das literarische Testament des Autors – im Troste, dass ihn Kreativität und Kunst überleben.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Jenseitsreise
Gerhard Roth
S. Fischer (2024)
412 Seiten : Illustrationen
fest geb.