Die Männer meines Lebens
Der Titel führt in die Irre, assoziiert er doch ansatzweise Beziehungsgeschichten, Freunde, Geliebte, Ehemänner. Doch die Autorin - als Schauspielerin bekannt aus Serien wie "Weeds" oder "The West Wing" und dem Film "Grüne Tomaten" - belegt mit
dem Begriff auch ganz punktuelle Begegnungen. Sie nimmt teilweise für Wendepunkte oder Entwicklungssprünge just den Mann, der in diesem Moment anwesend war, zu dem sie nicht einmal irgendeine Form von persönlicher Beziehung haben muss und richtet an ihn in Briefform rückblickend ihre Gedanken über ihr Leben. Und sie beschränkt sich nicht auf menschliche männliche Wesen. So macht sie eine vertiefte Naturerfahrung an einem Uhu fest. Ein Kapitel behandelt die letzten Stunden des von ihr sehr geschätzten Vaters; adressiert ist es an den ihr völlig unbekannten Austernfischer, der dessen letzte Mahlzeit am Meer gesammelt hat. Enttäuschende Partner haben ebenso ihren Platz wie fördernde Lehrer, Lebensretter wie Lebenskünstler. - Gut versteckt in der Komik erinnerter Szenen fördert Parker einiges an persönlicher Lebensweisheit ans Tageslicht. Ist ein Briefroman in den Zeiten von E-Mail und Chats schon fast ein Anachronismus, belebt die Autorin dieses Genre in ihrem Debüt mit manchmal durchaus deftigen Bildern und humorvollen Schilderungen. Der Tonfall bleibt durchgängig warmherzig und verständnisvoll, was einerseits zeitgemäßes pseudoempathisches Geblubbere verhindert, andererseits dem Leser klarmacht, dass auch negative Gestalten auf einem Lebensweg rückblickend ihre positive Berechtigung haben. (Übers.: Anette Grube)
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Die Männer meines Lebens
Mary-Louise Parker
Fischer (2016)
279 S.
fest geb.