Im Licht des neuen Tages
Leben und Schreiben von Frauen zwischen Deutschland und Tschechien: In einer äußerst gelungenen Verflechtung historischer Fakten, literarischer Fiktion und autobiografischer Selbstbefragung zeichnet Jarka Kubsová drei Versuche weiblicher Selbstbestimmung
nach. Da ist einmal die Ende des 18. Jh. im Dorf Cervená Hora geborene Viktorie. Die aufgeweckte Bauerntochter, die sich nach mehr als einer frühen Heirat sehnt, wird nach einer Vergewaltigung von der Familie und der Dorfgemeinschaft verstoßen. Fortan lebt sie im Wald und meidet die Menschen. Da ist die Schriftstellerin Božena Nemcová, die im 19. Jh. in ihrem zum Klassiker gewordenen Buch „Babicka“ (Die Großmutter) die literarische Figur der wilden, verrückten Viktorka schafft, der Kindesmord angelastet wird. Nemcovás literarische Arbeit in Zeiten der nationalen Wiedergeburt Tschechiens ist geprägt von bitterer Armut und chronischer Krankheit. Und da ist schließlich die Ich-Erzählerin, die Autorin Elli Hajek, die sich zum Schreiben in eine Waldhütte zurückzieht und sich in Erinnerungen an die Flucht ihrer Familie aus der ehemaligen Tschechoslowakei zum ersten Mal den verdrängten Brüchen und Verlusten in ihrem Leben stellt. Im ruhigen Erzählfluss und bildhafter Sprache zeigt der Roman eindrücklich, wie individuelle Biografien damals und heute stark von rollenkonformen Erwartungen geprägt werden, indem etwa sexuelle Gewalt gegenüber Frauen zur weiblichen Unkeuschheit umgedeutet und gesellschaftlich sanktioniert wird. Indem künstlerische Ambitionen von Schriftstellerinnen, mit Mindesthonoraren abgespeist, in den vom Patriarchat geprägten Ehen verspottet und durch aufreibende Haushaltspflichten erdrückt werden. Indem Autorinnen mit Migrationshintergrund den Erfolgsdruck ihres Umfelds verinnerlichen und in der Rolle der „Eldest Immigrant Daugther“ zur Anpassung und Leistungsfähigkeit angehalten werden. Eine Lektüre, die lange nachwirkt.
Slávka Rude-Porubská
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Im Licht des neuen Tages
Jarka Kubsova
S. FISCHER (2026)
300 Seiten
fest geb.