Träume in Europa

Träume sind Schall und Rauch, sagen die einen. Traumdeutung ist der Königsweg zum Unbewussten, sagt die Psychoanalyse. Jenseits von banalen Träumen, wie sie wohl jeder kennt und schnell wieder vergisst, jenseits auch vom Tiefenschwindel, der Traumdeutern Träume in Europa oft entgegengehalten wird, stehen die Traumerzählungen von Wolfram Lotz. Es sind kurze Erzählungen, Träume im Sprinter-Dress: sie haben wenig an und spurten durch ein merkwürdiges Erlebnis. Das kann eine Mensch-Tier-Verwandlung sein, ein tabuisiertes Familienmuster, eine ferne Schulerinnerung, eine ungewohnte Reise, eine übergriffige Einladung, große Dinge werden zerkleinert, Schönheiten zerstört. Einmal fallen Apps aus einem Handydisplay und werden wieder draufgeklebt. Das ist ein versteckter Schlüsseltraum. Denn die Träume sind nicht von Lotz selbst. Er hat sie aus europäischen Internetforen aufgesammelt, dramatisch bearbeitet und narrativ aufgemöbelt. Quellen werden im Anhang benannt, aber das nachzurecherchieren, ist nicht Sinn der Übung. Schon zwei oder drei der Traumstories zu lesen, kann einen Aha-Effekt oder einen schrecklich-schönen Eindruck auslösen. Am Stück empfiehlt sich das Büchlein nicht zu lesen, die Vielzahl der im Grunde einfach gestrickten Traumberichte wäre entweder erdrückend oder schlicht zu langweilig. Verraten sie etwas über das gemeinsame kollektive Unbewusste europäischer Träumer? Etwas vom archaischen Ursprung der Erzählung des Abendlands? Das mag, wer will, selbst herausfinden. Oder in eine Inszenierung des Buches gehen, die im Staatsschauspiel Dresden läuft und in Münster und in Köln angekündigt ist. In Maßen zu lesen empfohlen.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Träume in Europa

Träume in Europa

Wolfram Lotz
S. FISCHER (2026)

111 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 624978
ISBN 978-3-10-397717-2
9783103977172
ca. 23,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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