Aus guter Familie
Die fügsame und eher schüchterne Agathe, Tochter eines Regierungsrats, wächst in einem großbürgerlichen Haushalt im frühen Kaiserreich auf und soll dem Vater Ehre machen. Er führt ein strenges Regiment, verlangt die Einhaltung seiner Meinung
nach unumstößlicher Regeln und verschließt sogar seinen Bücherschrank, als die erwachsene Agathe ein für sie angeblich verderbliches naturwissenschaftliches Buch zur Lektüre herausgenommen hat. Die Autorin verfolgt rund 20 Jahre ihrer Lebensgeschichte, die im totalen Zusammenbruch der Frau mündet. Signifikant sind die Eingangsszenen um die Konfirmation der 17-Jährigen, die sich nicht nur hier darum bemüht, alle gesellschaftlichen Regeln einzuhalten. Der Wunsch, sich selbst entfalten zu können, tritt in den Vordergrund, als sie bei Bekannten einen Maler kennenlernt und sich hoffnungslos in ihn verliebt. Und noch einmal, als sie nach vielen Jahren einen Freund aus Kindertagen, der als Sozialdemokrat gebrandmarkt war, bei einem Urlaub in der Schweiz wiederbegegnet. Er will ihr einen Weg weisen, wie sie selbständig leben kann. Doch gerade das bringt ihr Lebensgefüge als treusorgende Tochter für die Eltern ins Wanken und löst eine schwere psychische Krise aus, die sie in eine damals Nervenheilanstalt genannte psychiatrische Einrichtung bringt. – Die Konfliktsituation der Protagonistin beschreibt ein Beispiel schön: die kritische Haltung der Familie gegenüber dem Wunsch einer verwandten Pfarrerstochter, Diakonisse werden zu wollen. Und Jahre später deren erfülltes Leben, als ihr Agathe als Leiterin einer Kinderklinikstation wiederbegegnet. Thematisiert wird auch die verächtliche gesellschaftliche Haltung gegenüber Dienstboten und Armen. Insgesamt gibt das Buch ungeschönte Einblicke in die Lebenswelt von Frauen in der Bismarckzeit. Es ist gut nachvollziehbar, weshalb es bei seinem Erscheinen 1895 Furore machte. Heute noch kann es einen lesenswerten Teil von Büchereibeständen zur Frauenemanzipation bilden.
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Aus guter Familie
Gabriele Reuter
Reclam (2024)
269 Seiten
fest geb.