Das verdrängte Gewissen
Wir haben unser Gewissen verloren, ist der Autor überzeugt, und damit das Bewusstsein dafür, was das Gewissen für Freiheit und Unabhängigkeit bedeutet. Für ihn liegt darin der Grund für viele Fehlentwicklungen im Leben des Einzelnen und vieler
europäischer Gesellschaften. Hemmungsloser Kapitalismus, die Zerstörung der Natur und die größenwahnsinnige Idee grenzenlosen Wachstums sind Folgen dieser problematischen Entwicklung. Ohne die orientierende Funktion der Gewissensentscheidung, die das Leben in Balance und im Bereich der "Normalität" hält, überfordert sich der Mensch maßlos, bis er schließlich z.B. im Burnout auf schmerzliche Weise mit seinen natürlichen Grenzen konfrontiert wird. Die katholische Kirche habe mit ihrem totalen Anspruch auf das Gewissen nicht nur lange Zeit gegen die eigene Berufung gelebt und zahllosen Menschen viel Leid angetan, sondern in den letzten Jahrzehnten auch den massenhaften Auszug aus der Kirche selbst provoziert und beschleunigt. Der Autor, der nicht nur Psychologe, sondern auch Theologe ist, hält der Kirche einen Spiegel vor und fordert den Dialog von Moraltheologie und kirchlichem Lehramt, um zu einer zeit- und menschengerechten Ethik zu kommen, die das Gewissen des Einzelnen in seiner Autonomie anerkennt und respektiert. Die beiden letzten Kapitel mit einem theologiegeschichtlichen Exkurs zum Thema "Gewissen" und einer Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken helfen wesentlich zum Verständnis dieses Buches. Dem Autor gelingt es, durch zahlreiche Beispiele aus dem Alltag und eine Übersetzung unverzichtbarer Fachbegriffe, seine Gedanken allgemeinverständlich zu vermitteln. Für alle an aktuellen gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen Interessierten zu empfehlen.
Lioba Speer
rezensiert für den Borromäusverein.
Das verdrängte Gewissen
Johannes Wolfslehner
Styria (2016)
Styria premium
191 S.
fest geb.