Der Junge im Taxi
Simon erfährt bei der Beerdigung seines neunzigjährigen Großvaters in Frankreich fast beiläufig von der Existenz eines Familienmitgliedes, von dem er bisher nichts wusste. Er hat einen weiteren Onkel, der Erstgeborene seines Großvaters, gezeugt
in einem kleinen Dorf in Deutschland am Bodensee während der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Innerhalb der Familie wurde über dieses uneheliche Kind immer geschwiegen, auch wenn die Generation der Eltern und Großeltern geschlossen darüber informiert war. Simon ist einerseits entsetzt, wie gut diese Taktik des Ausschweigens über Jahre hinweg funktionieren konnte und wie unbedarft sein Onkel den unehelichen Sohn des Großvaters ihm gegenüber plötzlich anspricht. Andererseits ist seine Neugier geweckt. Er beginnt zu recherchieren, stößt dabei innerhalb der eigenen Familie auf ungeahnte Widerstände, aber auch unerwartete Unterstützung, und macht sich schließlich gemeinsam mit seinen beiden Söhnen auf den Weg nach Deutschland, um dem Leben dieses unbekannten und doch gefühlt mit ihm verbundenen Menschen nachzuspüren, der der Bruder seiner eigenen Mutter sein soll. Wird es zu einer Begegnung kommen? – Ein beeindruckend offener Roman zu dem sensiblen Thema der "Besatzungskinder", über die in hunderttausenden Familien jahrzehntelang geschwiegen wurde und immer noch wird. Sprachlich sehr dicht und gleichzeitig sehr eingängig geschrieben. Ein Buch gegen das Vergessen, das einen nicht loslässt. Sehr lesenswert!
Elisabeth Brendel
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der Junge im Taxi
Sylvain Prudhomme ; aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Unionsverlag (2025)
192 Seiten
fest geb.