Das vorletzte Haus am Fluss
In zwei Erzählsträngen wird die Geschichte um ein Mutter-Tochter-Verhältnis in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt auf beiden Seiten der Elbe mit einer Fährverbindung ausgebreitet. Da ist die junge Conny, die 1979 in der DDR die 10. Klasse beendet
hat und von einem Modedesignstudium träumt. Und sie ist schwer verliebt in Bernd. Doch ihre Eltern sehen eine andere Berufstätigkeit für sie; und so fängt sie widerwillig in der großen örtlichen Brauerei eine Lehre an und hofft auf die Hochzeit mit Bernd am Ende seines Wehrdienstes. Ihre Tochter Suna kommt nach 15 Jahren aus Berlin nach einer Trennung in ihre Heimatstadt zurück, um sich neu zu orientieren. Ihr Vater ist verschwunden, was aber unter den Frauen nicht thematisiert wird. Es herrschen Sprachlosigkeit und Unvermögen zwischen Mutter und Tochter. Ein Geheimnis aus der Vergangenheit lastet schwer auf der Familie. Bei der Vorbereitung zum Stadtfest um die alte Fährmann-Sage, bei dem beide Frauen eine tragende Rolle einnehmen, kommen sie sich doch näher und Suna beginnt zu verstehen. Eingebettet ist die Geschichte in die Landschaft mit dem prägenden Fluss, den allwissenden schweigsamen Fährmännern, über Generationen aus dem letzten Haus am Fluss, ohne die ihr vorletztes Haus nicht denkbar wäre. Jetzt mit 15 Jahren Abstand und neuen Erfahrungen kann die Tochter die Mutter mit anderen Augen sehen, ihre kühle Art einordnen, ihre Härte verstehen. Auch das Geheimnis um den Vater, der nicht der leibliche Vater ist, klärt sich. Eine Generation versteht die politisch-gesellschaftlichen und familiären Zwänge und Gegebenheiten der anderen in ihrem jeweiligen Leben. Außerdem ein Plädoyer für Flussfähren, in ihrem stetigen Hin und Her über den Strom, die beide Seiten zusammenhalten seit ewigen Zeiten mit dem Ruf „Fährmann hol über!“ Atmosphärisch dicht mit Spannung und Einfühlungsvermögen ist diese Mutter-Tochter-Geschichte am Fluss und das kleinstädtische Miteinander eine unbedingte Leseempfehlung für den „Zweitling“ der jungen Autorin.
Karin Steinfeld-Bartelt
rezensiert für den Borromäusverein.
Das vorletzte Haus am Fluss
Felicitas Geduhn
Kampa (2026)
316 Seiten
fest geb.