Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
Die in Rumänien geborene und in der Schweiz lebende Dana Grigorcea verschränkt in ihrem jüngsten Roman die Geschichte um den Bildhauer Constantin Avis aus den 1920er-Jahren mit dem Aufenthalt einer Schriftstellerin an der ligurischen Küste, wo
sie, begleitet vom 8-jährigen Sohn und dessen Kindermädchen Macedonia, einen Roman über Avis schreiben will. Die Entstehung des vorliegenden Werks ist damit zugleich Stoff des Buches wie die Schriftstellerin Dora Marcu ein Alter Ego der Autorin sein dürfte. Auch Constantin Avis ist unschwer als Constantin Brancusi zu enttarnen. Der Brancusi-Strang der Geschichte steht im Schatten des 1926 von Brancusi angestrengten Prozesses gegen die US-Zollbehörde, um den Kunstcharakter der eingeführten Skulptur „l’oiseau dans l’espace“. Diese Skulptur dürfte auch den Titel des Buches inspiriert haben. Während die Schriftstellerin in Ligurien mit ihrem Sohn philosophiert, die Bekanntschaft einer vornehmen, älteren Sizilianerin macht und schließlich auch den Geliebten erwartet, schlendert der Bildhauer Avis (Brancusi), durch New York, hat erotische und künstlerische Begegnungen, bleibt jedoch trotz vieler Berührungspunkte diesem Land der Geschwindigkeit, des modernen Designs und des Kommerzes fremd. – Was ist Kunst? Diese Frage durchzieht diesen schönen Roman wie die Suche nach der verlorenen Zeit jener „Golden Twenties“, die mit der Musik und den vielfältigen Künstlerpersönlichkeiten ein quirliger Kontrast zur ruhigen winterlichen Atmosphäre des Aufenthalts von Dora in Ligurien der Gegenwart bildet. Schnörkellos, doch mit viel Romantik, das historische Material ebenso fantasievoll in die Geschichte einbindend wie das Bekenntnis der Autorin zur Kunst, auch wenn sie nicht beantworten kann oder mag, was das ist, überzeugt das Buch durch die höchst unterhaltsame Geschichte und den flüssigen, farbigen, aber unaufdringlichen Erzählstil.
Helmut Krebs
rezensiert für den Borromäusverein.
Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
Dana Grigorcea
Penguin Verlag (2024)
222 Seiten
fest geb.