Grand-papa
Die Autorin stößt bei einem Besuch ihrer Eltern wieder auf das blaue Buch, das ihr Großvater ihr mit fünfzehn übergeben hatte, die „Memoiren eines Siebzigjährigen“. Jetzt schlägt sie es mit Spannung auf und liest sich fest. Er war in Lothringen
aufgewachsen und seine Familie hat die wechselvolle Geschichte des 19. und 20. Jh. am eigenen Leib zu spüren bekommen. Im Leben des Großvaters spiegelt sich diese Zerrissenheit: Er begann im französischen Militär eine Ausbildung als Anatole Frey, und wurde im Zweiten Weltkrieg als Anatol Frei von den Nazis zur Wehrmacht einberufen. Die Enkelin versucht nun, dem Leben ihres Großvaters näherzukommen, dessen Kälte ihr immer von der Mutter vermittelt worden war. Sie beschließt, über ihn zu schreiben. Beim Lesen im blauen Buch ist sie irritiert von seinen sachlichen Daten, kaum ein Wort darüber, wie es ihm erging. So imaginiert sie sein Gefühlsleben – und muss erfahren, dass ihre Mutter immer wieder ihre Irrtümer korrigiert. Auch sie selbst reflektiert abends, was sie tags geschrieben hat – und erkennt die „sepiafarbene Verklärung“. Damit thematisiert sie die Probleme des (auto-)biografischen Schreibens, denn durch Betonung oder Weglassen wird immer auch eine Fiktion mit ins Bild gebracht.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Grand-papa
Natalie Buchholz
Penguin Verlag (2024)
253 Seiten
fest geb.