Aufs Meer hinaus
Bertha Torgersen und Hanna Brummenæs wachsen in der westnorwegischen Hafenstadt Haugesund auf. Sie lernen sich als Teenager kennen, als Bertha ein Kleid in der Manufaktur kauft, in der Hanna als Verkäuferin arbeitet. Bertha ist von der Geschäftstüchtigkeit
der etwas älteren Hanna beeindruckt, bewundert ihren selbstsicheren Auftritt und ihren leicht maskulinen Kleidungsstil. Aber erst als beide einige Jahre später im aufstrebenden Bergbauort Visnes arbeiten, freunden sie sich an. Bald nehmen sie das Angebot an, die Manufaktur ihres Arbeitgebers zu übernehmen. Ab jetzt leben sie zusammen in einem Haus und führen gemeinsam ihre Geschäfte. Als es in Visnes wirtschaftlich den Bach runtergeht, satteln sie rechtzeitig um und werden zu Norwegens ersten Reederinnen. – Die Autorin von „Die Geschenke meiner Mutter“ (BP/mp 15/95) hat hier ein feinsinniges, vorurteilsfreies Doppelporträt von zwei Frauen gezeichnet, die sich in einer Umbruchzeit in der Männerwelt durchgesetzt und unbekanntes Terrain betreten haben. Das Buch folgt den beiden Geschäftsfrauen bis zum Tod, überwiegend aus dem Blickwinkel der empfindsameren Bertha. Der Schwerpunkt der Handlung liegt auf ihrer Jugend, als ihnen bewusst wird, dass sie nicht für Ehe und Familie geschaffen sind. Ob die beiden Frauen in der Realität ein Liebespaar waren, zu einer Zeit, als über Homosexualität kaum gesprochen wurde, ist nicht überliefert. Als "Role models" faszinieren diese mutigen Pionierinnen bis heute. Gerne empfohlen.
Maria Holgersson
rezensiert für den Borromäusverein.
Aufs Meer hinaus
Cecilie Enger ; aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Penguin Verlag (2023)
303 Seiten
fest geb.