Lokale Erschütterung
Wenn eine Ehe scheitert, lässt sich dafür oft nicht eine einzelne Ursache ausmachen. Vielmehr ist es die Summe von Kleinigkeiten, die die Partner auseinander treibt. Katrin Gerlof setzt diese Kleinigkeiten wie ein Mosaik zusammen. Steinchen für
Steinchen, Episode für Episode erzählt sie, wie die Ehe von Hanns und Veronika zerfällt. Hanns ist ein arbeitsloser Journalist, einst "Schlagzeilenkönig" einer großen (Ost-)Berliner Zeitung. Jetzt hat er Aussicht auf eine Stelle als Leiter einer Lokalredaktion in der Provinz. Nach seiner Entlassung hat er eine Vorliebe für Kraftausdrücke entwickelt und verfällt immer wieder in Gossensprache - vor allem dann, wenn es um Frauen und Sex geht -, obwohl er das stilistisch korrekte Hochdeutsch geradezu zwanghaft pflegt. Veronika ist freiberuflich als Unternehmensberaterin tätig. Ihre Spezialität: nichtssagende Textbausteine für alle Gelegenheiten. Ihr Gefühlsleben ist von Trauer und Verzweiflung über eine Fehlgeburt bestimmt; Hanns und sie blieben danach kinderlos. Zu allem Überfluss erhält sie anonyme Briefe von einem Unbekannten, der sie offenbar sehr gut kennt und sie an ein Ereignis in ihrer Vergangenheit erinnern will, das sie gut verdrängt hat. Doch davon erzählt sie ihrem Mann ebenso wenig wie von ihrem Entschluss, sich die Gebärmutter entfernen zu lassen, die ihr nutzlos scheint. Schließlich ist da noch ein merkwürdiger Bekannter von Hanns. Daniel, ein junger Mann, der wenig von sich preisgibt, aber Hanns Nähe sucht. - Wie schon in ihrem Roman "Alle Zeit" (s. BP/mp 10/112) beschäftigt Gerlof sich mit dem Thema Beziehungsunfähigkeit. In klarer, schnörkelloser Sprache beschreibt sie den Zerfallsprozess dieser Ehe und erweist sich dabei als genaue Beobachterin. Episode für Episode entsteht so das sorgfältig komponierte Bild eines Paares, das unaufhaltsam auseinander treibt. Anspruchsvollen Leser/innen sehr empfohlen.
Christoph Holzapfel
rezensiert für den Borromäusverein.
Lokale Erschütterung
Kathrin Gerlof
Aufbau (2011)
342 S.
fest geb.