Die französischen Schwestern
Mit dem Tod ihres Vaters werden die drei Schwestern Marthe, Sabine und Judith Brelan zu Vollwaisen. Sie beschließen zusammenzubleiben und zögern den Vormundschaftstermin hinaus. Als es so weit ist, können sie triumphierend darauf verweisen, dass
Marthe soeben volljährig geworden ist. Durch taktisches Verhandlungsgeschick erreichen sie, dass Marthe die Verantwortung für ihre Schwestern Sabine (17) und Judith (14) zugesprochen bekommt. Damit sind sie der Vormundschaft durch ihre Tante Rosie entkommen, die es auch auf das Sechs-Zimmer-Haus ihres Bruders abgesehen hatte. Der Leser begleitet die drei Schwestern, von denen eine aus beruflichen Gründen nach Deutschland zieht, von der Nachkriegszeit bis zum Berliner Mauerfall. Allerdings erfährt man das Geschehen weniger durch Beschreibung als durch Dialoge, die in einer Mischung von indirekter Rede und autonomer direkter Rede (immer ohne Anführungszeichen) abgebildet werden. Manchmal ist nicht ganz klar, wer spricht. Das macht aber nichts, im Gegenteil, es bildet geschickt das Stimmengewirr der drei Schwestern (z.B. bei der Vormundschaftsverhandlung) ab und ist sehr amüsant zu lesen. - Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Autor Francois Vallejo (Jg. 1960) ist Altphilologe und lebt in Le Havre. Sein Bestseller "Monsieur Lambert und die Ordnung der Welt" (BP 08/606) war 2006 für den Prix Goncourt nominiert. Anspruchsvolle französische Gegenwartsliteratur.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Die französischen Schwestern
François Vallejo
Aufbau (2012)
285 S.
fest geb.