Zungenküsse mit Hyänen
"Man liest weiter, obwohl man so etwas niemals lesen wollte", so wird Peter Sloterdijk auf dem Rückumschlag des neuen Romans von Else Buschheuer zitiert, "lässig bis zum Exzess", meint die Jungautorin Helene Hegemann. "Zungenküsse mit Hyänen" ist
so bizarr und so planvoll provokativ, wie es der Titel ankündigt. Der Dauerjugendliche "Meikel" entflieht seinem "Mutterschutz" und kommt in der fiktiven Stadt Rizz an, im 20. Stock eines totalüberwachten Hauses, in dem es vor Merkwürdigkeiten nur so wimmelt. Eine frivole Schweizerin auf Krücken, die kontrollsüchtige Vermieterin und über allem der querschnittsgelähmte Fernsehproduzent Müller, der im benachbarten Ort "Dingenskirchen" Regie über eine erotische Halbwelt führt. Diese schräge Handlung hat einen schwarzromantischen und einen kriminalistischen Zug. "Meikel", zum Lokalreporter bestellt, verstrickt sich in den Recherchen des Mordes an Müllers Frau, lernt eine afrikanische "Tatort"-Kommissarin kennen und rechnet - selbst zeitweise in Untersuchungshaft - mit seiner Mutter ab. Am Ende bleibt der Leser ziemlich ratlos zurück. Hat er nun ein Antimärchen über lasterhafte Liebe gelesen, einen tarantinoesken Krimi (Filme spielen eine tragende Rolle in Buschheuers Roman) oder die todernste Kritik einer auf Körperfantasien fixierten Gesellschaft? Unter dem Strich: ein eher anstrengendes Buch, das man weder zur Unterhaltung noch zur Belehrung lesen muss, aber durchaus zur Überprüfung der Moralmaßstäbe unserer Zeit.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Zungenküsse mit Hyänen
Else Buschheuer
Aufbau (2013)
352 S.
fest geb.