Abgrund
Die achtjährige Claudia wohnt mit ihren Eltern in Cali, einer kolumbianischen Stadt südwestlich von Bogotá. Sie hat keine Geschwister und fühlt sich oft einsam. Der Vater leitet einen Supermarkt, die depressive und alkoholabhängige Mutter liegt
fast den ganzen Tag im Bett. Das Wohnzimmer gleicht einem Urwald, es ist voller Pflanzen, die vom Boden bis zur Decke reichen. Für das Kind stehen die Pflanzen stellvertretend für die Toten der Familie. Nach dem frühen Tod des Großvaters mütterlicherseits erhält die Großmutter nur eine kleine Rente, mit der sie und ihre Tochter zurechtkommen müssen. Die Mutter von Claudias Vater stirbt im Kindbett, die Tante, die sich um ihn und die Schwester Amelia kümmert, wenige Jahre später. Als die Mutter eine Affäre mit dem Ehemann von Amelia beginnt, wird das Schweigen in Claudias Elternhaus eisig. Ungeklärte Todesfälle im Familien- und Freundeskreis belasten das Mädchen zusätzlich. Waren es Unfälle oder Selbsttötungen? Claudia, die täglich den Abgrund spürt, hat niemanden, mit dem sie über ihre Ängste sprechen kann. Da ist nur Paulina, ihre geliebte Puppe, der sie sich anvertrauen kann. - Pilar Quintana ist in Lateinamerika sehr bekannt und viel gelesen. In ihrem Coming-of-Age-Roman erzählt sie von familiären Verstrickungen, von der Sprachlosigkeit und den Erwartungen, denen Frauen ausgesetzt sind. Ein Familienroman im Stil des magischen Realismus.
Susanne Emschermann
rezensiert für den Borromäusverein.
Abgrund
Pilar Quintana ; aus dem kolumbianischen Spanisch von Mayela Gerhardt
aufbau (2022)
245 Seiten
fest geb.