Ein Engel an meiner Tafel
Janet Frame wächst als Tochter eines Eisenbahners und einer Hausfrau in bescheidenen Verhältnissen in Neuseeland auf. Ein Bruder leidet unter Epilepsie, zwei Schwestern ertrinken im Abstand von zehn Jahren. Sie selbst erleidet während ihres Studiums
an der Pädagogischen Hochschule in Dunedin einen Zusammenbruch, versucht sich das Leben zu nehmen und verbringt die folgenden acht Jahre in zumeist geschlossenen Abteilungen von Nervenheilanstalten. Bei ihr wird Schizophrenie diagnostiziert, weshalb sie mit quälenden Elektroschocks therapiert wird. Lange Zeit untersucht sie kein Arzt mehr daraufhin, ob die Diagnose überhaupt korrekt war. Als sie einen Literaturpreis gewinnt, verhindert ein Arzt zu ihrem Glück gerade eben noch die Lobotomie, eine Hirnoperation, die ihre Persönlichkeit stark verändert hätte. Niemand erkennt in der jungen, verschlossenen, stets auf Unauffälligkeit bedachten Frau einen Menschen voller Ängste und Hemmungen. Ihre überaus große Schüchternheit hätte sie fast das Leben gekostet. Erst als sie den Schriftsteller Frank Sargeson kennenlernt und dieser sich fürsorglich um sie kümmert, erhält sie ein Stipendium und kann ganz in ihrem Schreiben aufgehen. Diese entscheidende Wendung in ihrem Leben hat ihr ermöglicht, zu einer bedeutenden Schriftstellerin zu werden. In "Ein Engel an meiner Tafel" beschreibt sie die Zeit während des Zweiten Weltkrieges und die Jahre danach in ihrer ganz spezielle Wahrnehmung der Welt: voller poetischer Bilder im Kopf, leidenschaftlich erglüht für die Literatur, aber auch voller Einsamkeit und emotionaler Kälte, die ihr von den sie umgebenden Menschen entgegenschlägt. Ein erschütterndes Buch, dass staunen lässt, wie Janet Frames literarisches Schaffen sich dennoch zu einer derartigen Meisterschaft entwickeln konnte. Sehr empfehlenswert. (Übers.: Lilian Faschinger)
Birgit Fromme
rezensiert für den Borromäusverein.
Ein Engel an meiner Tafel
Janet Frame
Beck (2012)
285 S.
fest geb.