Gotthard
Ort des Geschehens ist die Baustelle des Gotthardbasistunnels, die erzählte Zeitspanne beschränkt sich auf die Geschehnisse eines halben Tages. Der Berliner Eisenbahnliebhaber Fritz Bergundthal ist ins Tessin gekommen, um historische Züge zu fotografieren.
Er trifft dort auf Dora Polli-Müller, die in einer engen Haarnadelkurve wohnt, wo ihr alle Auto- und Zugfahrer in den Garten schauen können. Ihr Mann Aldo Polli, ein passionierter Mofafahrer, kann wegen seiner Panikattacken nicht mehr im Tunnelbau arbeiten und macht stattdessen obskure Geschäfte, Tochter Flavia fährt als Lastwagenfahrerin den Tunnelaushub ab. Zur illustren Schar der Bergbau-Mitarbeiter gehören auch der Baustellenlokführer Robert Filz und Aldo Pollis Freund Tonino, mit dem er seit Jahrzehnten nicht mehr geredet hat. - Erst nach und nach schält sich aus einem Kaleidoskop unterschiedlicher Perspektiven heraus, was "damals" im Berg geschehen war, als die zwei Männer durch einen "Vorfall" aneinander gekettet worden waren. Zora del Buono gelingt es mit ein paar starken Strichen, ein Figurenensemble aus eigenwilligen Charakteren zu skizzieren, deren Innenansichten viele Spuren auslegen. Das bedeutet Spannung, die sich zum Schluss in einem fulminanten Knall entlädt. - Sehr zu empfehlen - nicht nur für Eisenbahnfans.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Gotthard
Zora del Buono
Beck (2015)
144 S.
fest geb.