Kurze Geschichte des Antisemitismus
In acht chronologisch angeordneten Kapiteln dieses interessanten und gut zu lesenden Sachbuchs legt der renommierte Judaist Peter Schäfer eine schlüssige Begriffsbestimmung des Antisemitismus vor. So beginnt der Autor in der griechisch-römischen
Antike, in der die Juden bereits als "Menschen- und Fremdenfeinde" diffamiert wurden, da sie sich durch ihre Identität stiftenden Merkmale - Gottesvorstellung, Beschneidung, Sabbat, Schweinefleischverbot - gegen die im Hellenismus und Römischen Reich allgemein gültigen religiösen, kulturellen wie wirtschaftlichen Errungenschaften entschieden, sie sogar als minderwertig bezeichneten. Im Christentum - anfangs durch innerjüdische Konflikte geprägt - zeigten sich aufgrund von Spannungen zwischen Juden- und Heidenchristen, vor allem durch die Schuldzuweisung am Tode Jesu immer stärker werdende, religiös begründete, antijüdische Tendenzen, die sich dann in der Spätantike in staatlichen Gesetzen (z.B. Codex Iustinianus) niederschlugen. Während der Islam ein großteils ambivalentes Verhalten gegenüber dem Judentum zeigt, kommt es im christlichen Europa - zwar in unterschiedlicher Ausformung - zu Ausbeutung, Verunglimpfung, Verfolgung und Ermordung von Juden. Die nachfolgenden Jahrhunderte - Neuzeit: wissenschaftliches Interesse, aber auch Dämonisierung des Judentums; Aufklärung: Judenemanzipation; Nationalismus: völkisches Deutschtum - stehen einerseits für positive Veränderungen, andererseits jedoch für die Politisierung des Antisemitismus (Befreiung von der jüdischen Überfremdung), die in der Doktrin des NS-Staates und seiner Vernichtungspolitik seinen entmenschlichten Höhepunkt erreicht. Zuletzt verweist Schäfer auf weltweit kontrovers geführte Debatten den Staat Israel betreffend. - In großen Beständen gut einsetzbar!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Kurze Geschichte des Antisemitismus
Peter Schäfer
C.H.Beck (2020)
334 Seiten
fest geb.