Roads not taken
"Uns geht es um die Geschichte: um das bessere Verständnis von dem, was tatsächlich passiert ist - vor dem Hintergrund der Möglichkeiten, die nicht ergriffen worden sind." Mit diesen Worten beschreibt Raphael Gross, einer der Herausgeber des Begleitbuches
zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, das gemeinsame Anliegen, historische Zäsuren der deutschen Geschichte von 1989 bis 1848 aufzuzeigen und diese im Spannungsfeld von historischer Realität und anderer historischer Möglichkeiten zu erörtern. Die ausgewählten 14 "Wegmarken", chronologisch von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit geordnet, stellen Ereignisse dar, die bis heute relevante Auswirkungen besitzen und die im öffentlichen Bewusstsein noch präsent sind. In allen Beispielen, beginnend mit dem Fall der Mauer (1989) über die Neuausrichtung der deutschen Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt (1972), das Attentat auf Hitler (1944), die Machtübernahme der Nationalsozialisten (1933) oder den Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) bis zum Scheitern der Revolution von 1848, werden die realen historischen Abläufe verständlich und anschaulich analysiert. Anschließend werden mögliche Alternativen dargelegt, die jedoch nicht auf Vermutungen bzw. fiktiven Annahmen, sondern auf historisch gesicherten Belegen und Fakten beruhen. So steht z.B. der friedlichen Revolution von 1989 die von der DDR-Führung erwogene "Chinesische Lösung" (Peking 3./4. Juni 1989: Massaker am Platz des Himmlischen Friedens) gegenüber. - Das Buch bietet interessante Einblicke in die Hintergründe politischen Geschehens sowie in die Motive, Abwägungen und Verantwortlichkeiten von Politikern. Ab mittleren Beständen sehr zu empfehlen.
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Roads not taken
herausgegeben von Fritz Backhaus [und fünf weiteren]
C.H.Beck (2023)
287 Seiten : zahlreiche Illustrationen (überwiegend farbig)
kt.