Anna oder: Was von einem Leben bleibt
Henning Sußebach versucht in diesem anrührenden Buch, das Leben seiner Urgroßmutter Anna (1866-1932) nachzuzeichnen, von dem – wie der Titel andeutet – sehr wenig in Erinnerung geblieben ist – einige alte Fotos, Dokumente in Gemeindearchiven
und einzelne Episoden aus Gesprächen im Familienkreis. Aus dieser dürftigen Quellenlage, die viele Fragen offenlässt, formt der Autor mit großer Einfühlungskraft das Bild einer Frau, die keine Heldin war, aber dennoch ruhig, überlegt, konsequent und mutig ihr Leben in die Hand nahm, oft gegen die engen Regeln und Vorstellungen ihrer Zeit. Und dies erzählt er mit großem Feingefühl und Respekt seiner Urgroßmutter gegenüber. So äußert er, wenn Fakten fehlen, Vermutungen, weist aber darauf hin, dass es auch ganz anders hätte sein können. Natürlich gibt es in Annas Leben beweisbare Ereignisse, die er informativ und erklärend in den zeitgeschichtlichen Hintergrund (u.a. Erster Weltkrieg, Frauenwahlrecht, Entwicklung der Mobilität) stellt, sodass der Leser mit denselben Ereignissen konfrontiert wird, die auch für die Protagonistin prägend waren. Anna wird 1866 in einfachen, ländlichen Verhältnissen geboren, beginnt nach dem frühen Tod des Vaters ihre Ausbildung zur Lehrerin (Eheverbot nach damaligem Recht) und tritt 1887 in Coppenrode/Sauerland, wo sie ihr weiteres Leben verbringen wird, die Stelle als Lehrerin an. Doch sie verliebt sich in den 4 Jahre jüngeren Clemens, den Sohn der im Ort bestimmenden Familie, deren Oberhaupt eine Heirat verbietet. Nach dessen Tod gibt Anna ihre Stelle auf und die beiden heiraten 1903. Doch schon nach 90 Tagen stirbt Clemens – sein Sohn wird posthum geboren – und Anna übernimmt als Erbin das Anwesen und die Postagentur Coppenrode. 1909 heiratet sie den 19 Jahre jüngeren Lehrer des Ortes und bekommt mit 45 Jahren eine Tochter, die Großmutter des Autors. – Eine bewegende Geschichte, allen Büchereien wärmstens zu empfehlen.
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Anna oder: Was von einem Leben bleibt
Henning Sußebach
C.H.Beck (2025)
205 Seiten : Illustrationen
fest geb.