Blinde Geister
Olivia ist Tochter eines kriegstraumatisierten Vaters und erlebt in den 60er Jahren von Kindesbeinen an mit ihrer Schwester Martha, wie die Eltern Karl und Rita mit den Belastungen umgehen. Selbst sprachlos suchen sie mit ihren Kindern immer wieder
Schutz vor einem irrealen Angriff der Russen im Keller, horten und prüfen Vorräte und sind so eng aufeinander bezogen, dass sich Olivia trotz des funktionierenden Familiengefüges außen vor fühlt. Erst bei der ersten eigenen Wohnung ploppen auch bei ihr vererbte posttraumatische Belastungsstörungen auf, die sie mittels Therapie und Aufenthalt in einer Psychiatrie in den Griff bekommt und – nach einigen partnerschaftlichen Irrungen – eine Familie gründet. Ihre emanzipierte Tochter Ava hält Mutter und Großeltern den Spiegel vor und ist dann Vertreterin der ersten Generation, die seit 2022 realen Ängsten vor einem erneuten Krieg gegenübersteht. – Fein spinnt Lina Schwenk das Familiengeflecht, generiert eine düstere Stimmung, die die Last einer Kriegsgeneration differenziert über Generationen spürbar macht. Das Auflösen des Absurden wird durch die Gegenwart gebrochen und macht so den schmalen Roman zu einer erneuten Frage an die Berechtigung von Ängsten und Nöten. Nüchtern und berichtartig erzählt die Autorin aus der Sicht von Olivia. Manchmal mutet die Lektüre mühevoll an, da das Erleben schmucklos bleibt und die Leserschaft der Erzählung so hilflos ausgeliefert ist. Das Besondere erscheint rückblickend. Weder appellativ noch mahnend noch tröstend wollen die "blinden Geister" schweben. Es bleibt ein unbewertetes Einzelschicksal, das gesellschaftliche Relevanz bekommt.
Christine Vornehm
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Blinde Geister
Lina Schwenk
C.H.Beck (2025)
190 Seiten
fest geb.