Meister der Dämmerung
In den Sechzigerjahren, als die Beatles den Ton angeben und das Lebensgefühl prägen, geht im Grazer Forum Stadtpark, zu der Zeit ein Zentrum der literarischen Avantgarde in Österreich, der Stern des Jurastudenten Peter Handke auf. Aus dem scheuen
Hinterbänkler wird ein scharfer Polemiker, der skeptisch und zugleich distanziert literarische Werke diskutiert. Zugleich beginnt er selbst mit einer bis heute ungebrochenen rastlosen Produktivität zu schreiben. In seinen Werken folgt er nie einer bestimmten Programmatik. Seine Motivation ist stets die Suche nach den verschütteten Wurzeln seiner Kindheit. Er wurde 1942 in Kärnten geboren und fühlt sich seit jeher fremd. Sein Stiefvater ist als Vorbild ungeeignet, seinen leiblichen Vater lernt er erst spät kennen, mit seiner willensstarken Mutter, deren Familie aus Slowenien stammt, erlebt er als Kind den Kriegsalltag, Flucht und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit. Diese frühen Erlebnisse sind bis heute Quelle der Inspiration und begründen auch sein in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiertes Verhalten beim Zerfall Jugoslawiens. Es ist vielmehr ein Versuch, den Verlust der Seelenheimat, die Verschüttung seiner slowenischen Wurzeln, zu verarbeiten, als ein Ausdruck der Befürwortung eines Völkermords. - Der Germanist Malte Herwig hat Peter Handke selbst, zahlreiche Weggefährten, aber auch Gegner befragt und hat Briefe, Notizen und Tagbücher herangezogen. Entstanden ist ein umfassendes, bemerkenswertes Bild einer herausragenden Persönlichkeit. Sehr empfehlenswert.
Birgit Fromme
rezensiert für den Borromäusverein.
Meister der Dämmerung
Malte Herwig
Dt. Verl.-Anst. (2011)
363 S. : Ill.
fest geb.