Lillis Tochter
Der Historiker und Schriftsteller Martin Doerry, Sohn von Ilse Doerry, geb. Jahn (1929-2015), und Enkel der jüdischen Ärztin Lilli Jahn (1900-1944), die in Auschwitz ermordet wurde, widmet sich in diesem Buch dem Leben seiner Mutter. Doerry erzählt
- gestützt auf den vielfältigen Briefwechsel Ilses mit ihrer Mutter und anderen Verwandten, Freunden und Bekannten - von ihrem Leben als Kind und junges Mädchen, das in der Schule wie in der Gemeinde immer deutlicher Diskriminierung und schmerzhafte Ausgrenzung erfährt, das sich durch die Verfolgung und Deportation ihrer Mutter - schließlich nach deren Ermordung - immer stärkere Verschwiegenheit auferlegt und sich als älteste Tochter ganz selbstverständlich in der Verantwortung für ihre Geschwister sieht. Durch Ilses Tatkraft und mit zeitweiser Unterstützung emigrierter Verwandter überstehen die Geschwister die NS-Zeit und den Krieg, während der arische Vater es nicht schaffte, die Mutter seiner Kinder zu retten, sich scheiden ließ und auch sonst seiner Pflicht als Vater nicht nachkam. Erst mit der Befreiung durch die Amerikaner endet die Gefahr für die "halbjüdischen" Kinder, aber auch in den Jahren danach - selbst nach ihrer Heirat - kann sich Ilse von ihren bedrückenden Erfahrungen, vor allem vom Schicksal ihrer Mutter, nicht befreien, sie behält alles für sich und schweigt. Als ihr Sohn in einem Buch über seine Großmutter Briefe von Ilse veröffentlicht, beginnt bei ihr die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, speziell mit dem Schicksal ihrer Mutter, die sie viele Jahre durch öffentliche Auftritte fortsetzt. - Allen Büchereien wärmstens zu empfehlen!
Inge Hagen
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Lillis Tochter
Martin Doerry
Deutsche Verlags-Anstalt (2023)
318,[16] Seiten : Illustrationen
fest geb.