Im Leben nebenan
Das Romandebüt der Literaturvermittlerin Anne Sauer beginnt fulminant mit Tonis blutigem Abort auf der Bürotoilette: „Verloren. Abgestoßen. Runtergespült“, nach elf Wochen Hoffnung und Vorfreude. Im nächsten Kapitel wacht sie als Antonia mit
einem Baby auf der Brust auf. Anscheinend ist sie verheiratet mit ihrer ersten großen Liebe Adam und lebt ein paralleles Leben in ihrem Heimatort, statt mit Jakob in der Stadt. In abwechselnden Kapiteln erfährt man von Tonis und Jakobs Kinderwunsch, von den Hormontherapien, die Tonis Körper herausfordern und an Jakobs Erspartes gehen. Je länger sie andere gestresste Mütter mit Kinderwagen beobachtet, desto mehr genießt sie es, im Fitnessstudio oder Schwimmbad ohne Kind unterwegs zu sein. – In ihrem Parallelleben versucht Antonia, Adam zu erklären: „Ich bin nicht die, für die du mich hältst“, doch er beschwichtigt sie, ihm ginge es mit dem Elternsein ganz genauso. – Anne Sauer entwirft mit viel Empathie zwei Lebensmodelle (was wäre, wenn …?). Ihr Gedankenspiel über weibliche Selbstbestimmung geht der Frage nach, inwieweit gesellschaftliche Erwartungen in die Entscheidung für oder gegen Mutterschaft eine Rolle spielen. Der Roman ist unterhaltsam zu lesen und hat keine einfachen Antworten parat.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Im Leben nebenan
Anne Sauer
dtv (2025)
269 Seiten
fest geb.