Der Riss in der Wand
Ich-Erzählerin Hedwig lebt mit 26 Jahren noch bei ihren Eltern. Sie zeichnet für ihr Leben gerne, und als sie zum Kunststudium in Wien zugelassen wird, wagt sie es kaum, es ihren Eltern zu sagen. Sie hat die Zensurschere im Kopf und stellt sich vor,
was ihr Vater sagen würde: Die ganze Hausarbeit bleibe an ihm hängen, denn die Mutter liegt krank im Bett. Und über Bruder Franz, der vor 14 Jahren das Haus verlassen hat, wird gar nicht mehr geredet. Hedwig zieht sich in sich selbst zurück, sieht plötzlich Risse in den Wänden. Dinge fallen ihr vor die Füße, als wollten sie ihr etwas sagen. So findet sie über 30 Jahre alte Liebesbriefe einer Hanna Wallner an ihren Vater, versteckt im Küchenschrank. Und in einer Schatulle im roten Zimmer ist ein Tagebuch ihrer Mutter Gretel. Diese schreibt dort von ihrer sehr ehrgeizigen und fordernden Familie, in der sie neben den erfolgreichen Geschwistern als der “faule Apfel“ galt. All diese Funde tragen zu Hedwigs Emanzipation von der sie erstickenden Familie bei. Endlich, denk man sich als Leser:in! Denn die küchenpsychologischen Metaphern der an Schauerliteratur geschulten Autorin nerven zusehends.
Karin Blank
rezensiert für den Borromäusverein.
Der Riss in der Wand
Ina Maschner
Diederichs (2023)
171 Seiten
fest geb.