Die Kraft der mitfühlenden Kommunikation
"Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot", so betont Gottfried Benn die Bedeutung der Kommunikation für den Menschen. Worte können verletzen, sie können einfach verhallen, zumal wenn man von allen Seiten fremdbeschallt wird. Die heilende
Kraft der Sprache ist seit den 1990er Jahren auch von der Kommunikationswissenschaft entdeckt worden. Der Hirnforscher Andrew Newberg und der Therapeut Mark Robert Waldman machen sich neurobiologische Erkenntnisse zunutze, um den Zusammenhang zwischen Denken, Sprechen, Zuhören zu klären und dadurch die großen Möglichkeiten einer Kommunikation zu zeigen, mit der man kognitive und emotionale Kompetenz verbessern, soziale Interaktion erleichtern und Stress, Angst und Reizbarkeit abbauen kann. Diese Strategie heißt "mitfühlende Kommunikation" und basiert auf einigen Grundregeln. Zu den wichtigsten gehören Präsenz (die in der Psychologie bekannte "Achtsamkeit"), innere Stille, langsames und kurzes Sprechen und konzentriertes Zuhören. Nicht zu unterschätzen sind auch die nonverbalen Signale wie die Sprache der Lippen und Augen (über 55 Prozent der Informationen über die Gefühle des Anderen werden über Mimik und Gestik vermittelt). Das Buch erfüllt alle Voraussetzungen eines wissenschaftlich fundierten, verständlichen Sachbuchs, ist allerdings in der Anwendungsbezogenheit überkomplex. Auch werden die Grenzen des kommunikativen Mitfühlens (etwa bei der sog. Negativitätsverzerrung) und die produktive Kraft von Missverständnissen unterschätzt. Das aber schmälert nicht den Eindruck eines wirklich lesenswerten Buches.
Michael Braun
rezensiert für den Borromäusverein.
Die Kraft der mitfühlenden Kommunikation
Andrew Newberg und Mark Robert Waldman
Kailash (2013)
286 S. : Ill.
fest geb.