Der König und die Totenleserin
1176 kämpft Englands König Heinrich II. um die Herrschaft über Wales. In der berühmten Abtei Glastonbury werden nach einem verheerenden Brand zwei längst bestattete Leichen gefunden. Es geht das Gerücht, es handle sich um König Artus und seine
Gemahlin. Der König ruft die Ärztin Adelia, die ihm schon früher mit ihrem medizinischen Scharfsinn geholfen hat. Adelia findet dank ihrer hervorragenden pathologischen Ausbildung heraus, dass die offenbar ermordeten Leichen nicht aus sagenhaften Zeiten stammen, sondern mit einer schuldhaften Verstrickung des Abtes zu tun haben. - Mit Adelia hat die Autorin ein Andenken an die Frauen geschaffen, die im hohen Mittelalter an der Universität Salerno Medizin studieren durften. In den Archiven der Pariser Sorbonne ist dieses Studium belegt. Der Roman bietet eine reizvolle Verknüpfung der modern anmutenden Ausbildung (sogar für Frauen) mit der Sagenwelt der britischen Frühzeit. Ein zusätzlicher Reiz entsteht dadurch, dass der Leser fast ein Jahrtausend zurückblickt auf ein sich etablierendes mittelalterliches Königtum, für dessen Protagonisten die Zeiten eines König Artus, also die ersten nachrömischen Jahrhunderte, fast die gleiche Zeitspanne zurückliegen. Artus ist eine verklärte Gestalt; König Heinrich II., sein Hof und die ganze Lebensweise des 12. Jh. dagegen, die wir Heutige auch zu verklären geneigt sind, werden als realistische Gegenwart geschildert. Der spannend erzählte historische Kriminalroman überragt insoweit das Genre, als er Impulse gibt, sich mit den Zeitdimensionen auseinanderzusetzen. (Übers.: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann)
Pauline Lindner
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Der König und die Totenleserin
Ariana Franklin
Droemer (2011)
429 S.
fest geb.