Oststolz
Alexander Prinz wurde 1994 in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, 40 Kilometer westlich von Halle geboren. In diesem autobiografischen Werk schildert er seine persönlichen Erfahrungen beim Aufwachsen in einem ländlichen, vom harten Strukturwandel
der Nachwendezeit betroffenen Raum Ostdeutschlands. Für ihn selbst kam erschwerend hinzu, dass er durch den Verlust eines Augenlichts in der frühen Kindheit lernen musste, als Außenseiter mit einem weiteren Handikap groß zu werden. Die Ausbreitung des Internets war für ihn eine Offenbarung: In den Jahren vor Corona wurde er als "Dunkler Parabelritter" ein bekannter You-Tuber der Heavy-Metal-Szene und erreichte ein Millionenpublikum. Differenziert setzt er sich mit überkommenen Ost-West-Klischees auseinander. Oft am Beispiel der eigenen Familie blickt er mit Stolz auf das, was viele Menschen in den neuen Bundesländern unter widrigen Umständen geleistet haben. Zugleich legt er da, dass angesichts geringer Rücklagen und oft fehlender Ressourcen Krisen wie die Corona-Pandemie sich dort wesentlich massiver ausgewirkt haben. Prinz plädiert dafür, anstelle einer überkommenen Ost-West-Debatte den Blick stärker auf globale Zusammenhänge, auf Stadt-Land-Disparitäten und übergreifend auf Räume zu richten, die von der Deindustrialisierung betroffen sind – diese gibt es vielfach auch in den alten Bundesländern. – 35 Jahre nach der Wende ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung der Diskussion über "Ossis" und "Wessis". Breit empfohlen.
Siegfried Schmidt
rezensiert für den Borromäusverein.
Oststolz
Alexander Prinz
Knaur (2025)
255 Seiten
kt.