Woran wir uns erinnern
Der bald 80-jährige emeritierte Mathematikprofessor Jack Johansson merkt, dass sein Gedächtnis rapide nachlässt und möchte auf sein Leben nochmals zurückblicken, bevor all seine Erinnerungen ausgelöscht werden. Mit seiner Tochter Malin hat der
verwitwete Jack kaum Kontakt gehabt. Ab jetzt muss Malin als einzige Angehörige ihren Vater viel unterstützen, tut sich aber anfangs schwer damit, da sie ein sehr distanziertes Verhältnis haben. Außerdem ist sie jetzt schon ständig auf dem Sprung zwischen ihrem Job im Jugendzentrum und als Sängerin einer aufstrebenden Band. Zuhause muss sie sich auch noch allein um ihren halbwüchsigen Sohn kümmern. Manchmal erzählt Jack haarsträubende Geschichten aus seiner Jugend. Malin meint, dass seine Fantasie mit ihm durchgeht, versteht aber allmählich, dass ihr Vater früher ein sehr bewegtes Leben geführt hat, ohne jemanden davon erzählt zu haben. – Wie in „Wo wir uns trafen“ (BP/mp 23/977) widmet sich Sofia Lundberg hier der Auseinandersetzung der älteren Generation mit der eigenen Vergangenheit im Austausch mit einer alleinerziehenden Frau, die Mitten im Leben steht, diesmal die Tochter. Die unglaubliche Vergangenheit des gefeierten Professors, die in Ich-Form im Wechsel mit der Jetztzeit wiedergeben wird, beinhaltet mehreren Lebenslügen. Jacks Leben fängt in einer dysfunktionalen Familie an, es folgen zwielichtige Geschäfte, unglückliche Liebe und eine Flucht nach Paris. Das kann als etwas zu dick aufgetragen empfunden werden. Viele Leser:innen werden sich sicherlich in Malins Erfahrungen mit einem dementen Angehörigen gut hineinfühlen können, zumal Lundberg wie gewohnt eine emotional geladene Erzählweise pflegt.
Maria Holgersson
rezensiert für den Borromäusverein.
Woran wir uns erinnern
Sofia Lundberg ; aus dem Schwedischen von Sabine Thiele
Goldmann (2026)
375 Seiten
fest geb.