Unter Heiden
Als im März 2023 im SZ-Magazin ein Text mit dem Titel "Unter Heiden" erschien, in dem der Journalist Tobias Haberl seine Erfahrungen als Katholik in einem zunehmend areligiösen Umfeld beschrieb, waren die Reaktionen darauf weitaus größer als Autor
und Zeitung erwartet hatten – und überwiegend positiv. Aus dieser Erkenntnis, mit seinem Essay ein Lebensgefühl angesprochen zu haben, das offenbar viele Leserinnen und Leser teilen, entstand nun ein gutes Jahr später das gleichnamige Buch. Es drückt das Unbehagen darüber aus, dass einer zunehmend entchristlichten Gesellschaft das Wesentliche verlorengeht – ohne dass sie das zu bemerken scheint. Haberl will aber nicht nur denen Mut machen, die immer noch gläubig sind, sich aber oft nicht mehr trauen, das auch zu bekennen. Er möchte gerade auch die Ungläubigen – eigentlich keine "Heiden", wie der Autor selbst einräumt – ansprechen und ihnen zeigen, auf was sie, ohne es zu wissen, eigentlich verzichten. "Ich glaube, dass der moderne Mensch darunter leidet, dass er seinen Glauben verloren hat, ohne dass er es merkt. Ich glaube, dass er sein Glück in falschen Dingen und an falschen Orten sucht. Ich glaube, dass er Sehnsucht nach etwas hat, das er sich nicht erklären kann. Um ihm zu zeigen, was das sein könnte, habe ich dieses Buch geschrieben." Seine Überlegungen vermitteln keine im engeren Sinne theologischen Inhalte, sondern sind Reflexionen seiner persönlichen Glaubenserfahrungen – und seiner Erfahrungen, wie das nicht religiöse Umfeld auf seinen Glauben reagiert. Er schildert seine katholische Kindheit in Niederbayern, wo der Glaube noch als Selbstverständlichkeit angesehen wurde – mit allen Vor- und auch Nachteilen, die diese Situation hatte. Dass er persönlich jedoch in der Kirche nur gute Erfahrungen gemacht und sich irgendwann dann auch bewusst für den Glauben entschieden habe. Er erzählt von mehr oder weniger regelmäßigen Messbesuchen, von einem ebenso herausfordernden wie bereichernden einwöchigen Klosteraufenthalt, von seinen Erfahrungen in Beruf und Freundeskreis, wenn er sich als Katholik zu erkennen gibt, von seinen Tröstungen durch den Glauben wie von seinen Zweifeln. Haberl versteht durchaus, dass sich infolge des Missbrauchsskandals viele von der Kirche abwenden, will aber deren positive Seiten nicht einfach unterschlagen sehen. Und daran erinnern, dass es in der Kirche vor allem darum geht, die Menschen immer näher in die Gegenwart Gottes zu führen – was die meisten inzwischen völlig vergessen zu haben scheinen. Zumindest eine Mitschuld dafür sieht Haberl auch bei den Medien: "Die meisten Medien haben beschlossen, die metaphysische Seite des Glaubens zu ignorieren", es gehe dort immer nur um diesseitige Probleme der Kirche. "Ginge ich nicht regelmäßig in die Messe, ich vergäße auch, dass es im Christentum nicht um Sozialpolitik, sondern um das ewige Leben geht." Und genau diese Dimension des Glaubens ist es, die unserer Gesellschaft im 21. Jh. abgeht: Wie und wo lässt sich das Heilige noch erfahren? Was kann uns in einer nahezu vollständig digitalisierten Welt noch Sinn und Hoffnung geben? Der Autor fühlt sich zwar durchaus angezogen von der Alten Messe und traditionellen Frömmigkeitsformen, ist aber kein Traditionalist, schon gar nicht in ethischen Fragen – und er befürwortet durchaus Reformen in der Kirche, kann sich andererseits auch nicht in der Forderung nach einer "zeitgemäßeren" Kirche wiederfinden. Dass es auch in der Kirche das Auseinanderfallen in gegnerische Lager gibt, die kaum noch miteinander zu tun haben wollen, bedauert er in jedem Fall, findet das für Christen "beschämend". Tobias Haberl hat ein sehr persönliches, ehrliches Buch über den Glauben vorgelegt, dem bestimmt nicht alle in allen Punkten zustimmen, manchmal viele sogar heftig widersprechen werden, das aber sicher eines erreichen kann: Menschen über den Glauben wieder ins Gespräch zu bringen. Mehr will der Autor wohl auch nicht, weniger aber auch nicht. (Religiöses Buch des Monats November)
Thomas Steinherr
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Unter Heiden
Tobias Haberl
btb (2024)
286 Seiten
fest geb.
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats