Hexe
Am 1. August 2021 reist der Geist von Iris, gerufen durch den Äther, in eine Gefängniszelle tief unter der Stadt Edinburgh zu Geillis Duncan, die dort in der Nacht des 4. Dezember 1591 auf ihre Hinrichtung wartet. Geillis wurde als Hexe beschuldigt
und angeklagt von ihrem Arbeitgeber David Seaton, der als Hexentester großzügig von König James dafür entlohnt wurde. Unschuldig musste sie Folter, Misshandlungen und Gruppenvergewaltigung erleiden. Mit diesen Mitteln brachte Seaton sie dazu, seine Schwägerin der Hexerei zu beschuldigen, um an ihr Vermögen zu kommen. Iris, die selbst bereits mit 12 Jahren missbraucht wurde, begleitet Geillis einfühlsam in den grauenvollen Stunden des Wartens auf den Henker. Die Gespräche der beiden lassen die Geschichte von Geillis erfahren und vermitteln Einblicke in die düstere Zeit der Hexenverfolgungen. Die Sprache ist poetisch-schön, der Inhalt jedoch zeugt von Machtmissbrauch, Frauenhass, Gewaltbereitschaft und Grausamkeit. Daran und an der Freude am Leid von anderen hat sich bis heute nichts geändert, weiß Iris zu erzählen und begleitet die junge Verurteilte in der Gestalt einer Krähe bis zu ihrem Ende am Galgen inmitten einer begeisterten Menschenmenge. – Die mit Preisen bedachte schottische Autorin Jenni Fagan bringt in dem schmalen Taschenbuch Frauenschicksale aus der Zeit der Hexenprozesse mit denen der Neuzeit in Verbindung und resümiert, dass sich in 500 Jahren wenig geändert hat und Frauen noch immer von Männern missbraucht und untergeordnet werden. Als Mittel zum Zweck hat Jenni Fagan eine Seance gewählt, um Iris und Geillis zusammenkommen zu lassen, ein "MeToo" über Jahrhunderte hinweg.
Gabriele Berberich
rezensiert für den Borromäusverein.
Hexe
Jenni Fagan ; aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
btb (2024)
138 Seiten
kt.