Nichts
"Nichts bedeutet irgendetwas. ... Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun." Als Pierre eines Tages mit diesen Worten die Klasse verlässt, um ab sofort auf einem Baum zu sitzen, ist für die Siebtklässler im kleinen dänischen Ort Taering
nichts mehr wie vorher. Die aufgeschreckten Jugendlichen meinen, wenn sie nur genügend Dinge anhäufen, die für sie eine wichtige Bedeutung haben, werden sie den Rigorismus Pierres widerlegen können. Doch was harmlos beginnt, steigert sich schon bald zu immer monströseren Opfern. Eine unheilvolle Spirale der Grausamkeiten beginnt, weil jeder, der etwas weggeben musste, das Opfer des nächsten Kandidaten bestimmen darf und zunehmend gnadenlos dessen wunden Punkt auskundschaftet. Am Ende ist aus der behaupteten Sinnsuche eine perverse Sucht und ein eiskaltes Spiel um Macht und gegenseitige Erniedrigung geworden. - Der Text, in der Rückschau von einer Beteiligten erzählt, vermittelt ein zutiefst pessimistisches Menschenbild und wirkt nur auf den ersten Blick sprachlich überzeugend. Bei näherem Hinsehen ist er allzu sehr auf die Wirkung kalkuliert und bleibt eindimensional. Die Autorin wählt für die Darstellung dieser unerhörten Begebenheiten die Form einer Parabel, die ja nicht unbedingt eine nachvollziehbar realistische Handlung abbilden muss. Dies enthebt sie auch der Notwendigkeit, glaubhafte Charaktere entwickeln zu müssen. Keiner der schablonenhaft skizzierten Protagonisten macht eine glaubhafte Entwicklung durch. Die Autorin lässt eine Diskussion existenzieller Fragen im Text gar nicht zu, sondern schickt ihre Protagonisten auf eine Parforcejagd durch eine sich immer schneller drehende Gewaltspirale. Teller erreicht ihr Ziel nicht durch die literarische Auseinandersetzung mit einem existenziellen Thema, sondern durch den wohldosierten Einsatz provokanter Aspekte. Von Jugendliteratur sollte man mehr erwarten dürfen. (Übers.: Sigrid C. Engler)
Angelika Rockenbach
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Nichts
Janne Teller
Hanser (2010)
139 S.
kt.