Emmaus
Luca, Bobby, Santo und der namenlose Ich-Erzähler wachsen im Turin der 1970er Jahre auf, kleinbürgerlich und katholisch. "Wie ich schon sagte, tritt [der Glaube] bei uns in Gestalt eines Kampfes zutage - wir sind dagegen, wir sind anders, wir sind
Verrückte. Was den anderen gefällt, ekelt uns an, und kostbar ist für uns, was die anderen verachten." (S. 83) Nach der Schule gehen sie ins Krankenhaus, um zu helfen, spielen mit ihrer Band in der Messe oder treffen sich mit ihren gleichermaßen jungfräulichen Freundinnen - bis das Nachbarsmädchen Andre auftaucht, die zu den "anderen" gehört. Andre lebt eine freizügige Sexualität und übt auf ihre Umgebung eine Faszination aus, die nicht nur den glühenden Katholizismus, sondern auch die Freundschaft der vier frommen Jungen zu verändern beginnt. Sie verstehen noch zu wenig vom Leben; Liebe, Kummer und Tod sind ihnen fremd und so scheitern sie letztendlich tragisch, jeder auf seine Weise. - Der erwachsen-introspektive Erzählstil führt den Leser nicht nur ganz nah an die jugendlichen Protagonisten, sondern verleiht dem kurzen Roman auch eine Eindringlichkeit, die über die letzte Seite hinaus nachwirkt. Bei der Beschreibung sexueller Handlungen nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund. Lesenswert. (Übers.: Annette Kopetzki)
Barbara Sckell
rezensiert für den Borromäusverein.
Emmaus
Alessandro Baricco
Hanser (2013)
141 S.
fest geb.