Canale Mussolini
Eines der gigantischen politischen Projekte Mussolinis war die Trockenlegung der pontinischen Sümpfe südlich von Rom. Um diese Idee zu verwirklichen, musste der Faschismus große Massen von Menschen mobilisieren, die man v.a. aus dem Norden Italiens
rekrutierte. Dazu gehörte auch die Familie Peruzzi aus dem Veneto, die im Mittelpunkt dieses weit ausholenden Epos steht. Die einzelnen Figuren der Familie werden vom Autor sehr genau porträtiert, sodass man als Leser fast schon intim vertraut wird mit deren Besonderheiten, Abneigungen und Sympathien. Irritiert nimmt man auch schnell zur Kenntnis, dass Mussolini und seine faschistischen Ideen in der Familie nicht unbeliebt waren. Zwar waren nicht alle Jubel-Faschisten, aber irgendwie hat sich jeder etwas von dem neuen faschistischen Italien versprochen. Ob auch der Autor mit seinen Figuren sympathisiert, bleibt vollkommen offen. Er erzählt ja nur von dieser Zeit, in der die Übergänge von sozialistischen zu faschistischen Ideen erstaunlich fließend waren. - In Italien hat dieser Roman einen sehr großen Publikumserfolg, nur viele Kritiker tun sich schwer mit der Einordnung des Werkes. Nimmt es nun für oder gegen den Faschismus Partei? Auf jeden Fall glaubt man als Leser nach der Lektüre wesentlich besser zu wissen, warum eine Figur wie Mussolini auch auf die "kleinen Leute" eine so große Faszination ausgeübt hat. Der Autor überlässt es dem Leser, welche Schlüsse er aus den durch das Buch gewonnenen Erkenntnissen zieht. Ob man sich einen vergleichbaren großen Roman auch für die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland vorstellen kann? (Übers.: Barbara Kleiner)
Carl Wilhelm Macke
rezensiert für den Sankt Michaelsbund.
Canale Mussolini
Antonio Pennacchi
Hanser (2012)
446 S. : Ill., Kt.
fest geb.